Vanuatu

Wir sind am Mittwoch, dem 13.05. um 08:45 Uhr in der Anelcauhat Bay auf Aneityum nach 44 Stunden Überfahrt von der Ile des Pins angekommen, wo wir zuvor Uschi und Werner verabschiedet haben. Uns hat es weitergezogen nach Vanuatu, denn wir haben nur 3 Wochen für dieses tolle Land. Die Windprognose war sehr schwach, aber wir, die maritimen Zigeuner, wollten trotzdem los. Nach 5-stündigem Motoren hatten wir zunächst leichten Wind von der Seite, sodass wir anfangs langsam, dann aber mit zunehmendem Wind immer besser vorankamen. Es war eine herrliche Nachtfahrt. Wir fuhren nahe Maré (Iles Loyauté) am Mittag vorbei und bekamen dann immer mehr Wind. Er frischte sogar mehr auf, als erwartet, sodass wir nach und nach das erste und dann das zweite Reff ins Groß binden und dann die Genua gegen die Fock tauschen mussten. Die zweite Nacht war wesentlich unruhiger als die erste, denn die Welle wurde ruppig.

Anke-Sophie mit 2. Reff im Groß und halb eingerollter Genua

Anke-Sophie mit 2. Reff im Groß und halb eingerollter Genua

Und dann waren wir auch schon da. Was sehen wir als Erstes? Ein riesiges Kreuzfahrtschiff, das eine Stunde vor uns vor Anker ging. Da segeln wir um die halbe Welt und werden dann in der Einsamkeit vom Massentourismus erschlagen. Es war aber nicht so schlimm, denn die Touristen wurden auf das nahe liegende Mystery Island zum Baden und Bootsfahren verschifft. Die wenigsten haben den Ort besucht.

Gegen 13:00 Uhr kam der Zöllner vorbei und bat uns, an Land zu kommen, um die Formalitäten zu erledigen. Alles sehr freundlich und zügig. Wir dachten ja, dass wir nun alleine sind, aber wir erkannten gleich die britische Yacht Alba mit Glenys und Neville, die wir in Samoa kennen gelernt haben. Wir haben sie zum Tee eingeladen und uns ausgetauscht. Sie haben jede Menge an Werkzeug, Nägeln und Schrauben etc. aus Neuseeland für die Dorfbewohner mitgebracht. In Anelcauhat hat „Pam“ relativ wenig Schaden angerichtet, da das Dorf durch die Berge gut vor dem Zyklon geschützt war, aber das Dorf auf der Nordseite der Insel hat es schwer getroffen, da sie dem Wind und der See voll ausgesetzt sind. Die Fluten kamen wohl 500 m weit ins Land und alle Häuser sind zerstört worden. Alba segelt dort hin, um die Hilfsgüter abzugeben.

Ein großes Auslegerkanu in Anelcauhat auf Aneityum

Ein großes Auslegerkanu in Anelcauhat auf Aneityum

Die gesamte Konstruktion aus Holz, wie vor Hunderten von Jahren

Die gesamte Konstruktion aus Holz, wie vor Hunderten von Jahren

Wir besuchen die Schule

Wir besuchen die Schule

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Anke-Sophie vor Mystery Island bei Aneityum

Anke-Sophie vor Mystery Island bei Aneityum

Wir bleiben einen Tag und besuchen das Dorf, in dem wir uns viel mit den Bewohnern austauschen.  Sie können Englisch und das können wir ja viel besser als Französisch. Durch viele Gespräche entsteht langsam ein Bild über die Situation auf der Insel und vom Leben im Dorf. Wir lernen, dass die Kreuzfahrtschiffe sehr begehrt sind, denn mit einem Schlag kommen 2.200 Touristen, die ihr Geld umsetzen. Am nächsten Tag, als das Schiff schon wieder unterwegs ist, landen wir auf Mystery Island alleine ohne den Rummel und schauen uns diese Paradieswelt an, die extra für die Touristen hergerichtet wurde. Wir lachen über den Einfallsreichtum, mit dem die Insulaner Geld generieren. Sie verkaufen beispielsweise ihre kannibalische Geschichte, indem sie Touristen für 5 $ in einen großen Topf steigen lassen, in dem sie als Suppenfleisch fotografiert werden.

Wir werden zur Kannibalsuppe gekocht

Wir werden zur Kannibalsuppe gekocht

Wir segeln eine Tagesreise nach Norden, um Port Resolution an der Ostseite von Tanna anzulaufen. Der Hafen hat seinen Namen von James Cook nach dessen Schiff erhalten. Wir kreuzen ja immer wieder sein Kielwasser, so auch hier in den Neuen Hybriden, die er 1774 auf seiner zweiten Weltumsegelung kartographierte. Leider ist der Wind zu schwach, um unter Segeln die Bucht vor der Dunkelheit zu erreichen, deshalb müssen wir, auch wenn wir das überhaupt nicht wollen, die Maschine unterstützend mitlaufen lassen. Wir hatten gehört, dass „Pam“ diese Insel schwer getroffen hatte und sehen schon beim Einlaufen in die Bucht, wie der Wirbelsturm mit den Palmen Mikado gespielt hat. Die britische Yacht Alba ist schon da und wir werden zum Bier eingeladen. Am nächsten Morgen treffen wir Stanley, der die Spenden von den Yachties entgegen nimmt und die Verteilung unter der Bevölkerung organisiert. Er führt uns durchs Dorf und berichtet von der Nacht, in der „Pam“ morgens um 02:00 Uhr über die Insel fegte. Es war stockdunkel. Er sah, wie seine Hütte schwankte und dem Sturm nicht standhielt und brachte seine Familie zu Nachbarn, um anschließend sein Kanu am Strand zu retten. Ihm ist erst später klar geworden, wie extrem lebensgefährlich dies war, denn um ihn herum stürzten Hunderte von Kokosnüsse und ganze Bäume herunter. Nach dem Durchzug des Zyklons waren 95% der Hütten zerstört. Viele der Bäume entwurzelt. Alle Blätter weggeweht, aber zwei Monate später kommt das erste Grün schon wieder. Er zeigt uns, wie alle zusammen helfen, die Häuser wieder zu errichten. Er erklärt uns, wie sie selbst die Bauweise der Hütten in den letzten Jahren vernachlässigt haben, da sie zwanzig Jahre verschont geblieben waren und nun alle zerstört sind und zeigt uns eine alte unversehrte Hütte, die besonders stabil und damit zyklonsicher errichtet war. Das größte Problem ist sicherlich, dass alle Früchte und das meiste Gemüse verloren sind und es Monate brauchen wird, bis neue gewachsen sind.

Die Einfahrt zu Port Resolution

Die Einfahrt zu Port Resolution

Stanley ist unser Ansprechpartner

Stanley ist unser Ansprechpartner

und zeigt uns die Schäden nach dem Durchzug von Pam

und zeigt uns die Schäden nach dem Durchzug von Pam

Zerstörte Hütten

Zerstörte Hütten

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Der Wiederaufbau

Der Wiederaufbau

Kinder in Port Resolution

Kinder in Port Resolution

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Eine ältere Frau raspelt Kokosnüsse

Eine ältere Frau raspelt Kokosnüsse

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Die Verkleidung für die neuen Hütten aus Palmblättern

Die Verkleidung für die neuen Hütten aus Palmblättern

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Wir unterhalten uns über die Regierung und die offiziellen Spenden, von denen bisher nach über zwei Monaten nichts die Dörfer erreichte. Aber wir sehen auch positive Beispiele wie Zelte von Unicef, mit denen Schulen sofort nach dem Zyklon unterstützt wurden und viele blaue Schulrucksäcke,  mit denen die Kinder zur Schule laufen.  Und wir treffen andere Segler. Alle bringen diverse Hilfsgüter mit. Wir lernen Heather und Karl mit ihrer Aradonna kennen. Sie haben in Neuseeland unterschiedliche Hersteller von Saatgut um Spenden gefragt und sie wurden überschüttet. Nun verteilen sie die 15 große Boxen mit Hunderten von Tüten an die unterschiedlichen Dörfer auf den betroffenen Inseln. Wir bewundern sie um den Eifer, mit dem sie die organisatorischen Hindernisse der Genehmigung für die Einfuhr gemeistert haben und auch die Verteilung selbst in die Hand nehmen, um sicher zu sein, dass jedes Dorf etwas abbekommt.

Wir verbringen drei Tage in Port Resolution und nach und nach entsteht ein Verständnis von der Situation des Dorfes. Wir tauchen etwas ein in die archaische Lebensweise. Alles ist ausgesprochen naturbezogen. Viele der zerstörten Hütten sind bereits wieder aufgebaut. Alles aus natürlichen Materialien. Wir sehen die neuen Konstruktionen aus Holzstangen und deren Verkleidung mit geflochtenen Palm- oder Pandanus-Blättern. Der Wirbelsturm hat alles zerstört, aber die Bewohner des Dorfes sind in der Lage, weitestgehend ohne Hilfe von außen, in relativ kurzer Zeit ihr Dorf neu zu errichten.

Es sind die Kontraste, die uns nachdenken und dann auch schmunzeln lassen. Die Fischer ziehen in der Bucht stundenlang mit ihren Holzkanus ihr Kreise, wie sie es genauso Hunderte von Jahren zuvor gemacht haben. Heute sprechen sie aber neben ihrer eigenen Sprache Englisch und so können wir uns mit ihnen gut unterhalten. Und da kommt eben einer der Fischer längsseits und fragt, ob wir ihm bitte einige neue Filme auf seinen Datenstick spielen könnten. Er betont, dass er am liebsten Actionfilme sehe. So hat eben doch die Moderne in Teilbereichen Einzug gehalten.  Ein anderes Mal möchte ein Fischer gerade von ihm gefangene Fische gegen „Biskuits“  tauschen und wir nehmen den Tausch gerne an.Tanna2 075Tanna2 093

Wegen einer Front, die über uns hinwegzieht und schlechtes Wetter von den Solomons bringt, bleiben wir länger und verschieben unseren Ausflug zum Vulkan Yasur. Wir sind gespannt, denn nur hier bietet sich die einmalige Möglichkeit, ohne stundenlange Wanderungen an den Kraterrand eines aktiven Vulkans zu kommen. Dann ist es soweit und wir werden mit einem Geländewagen durch den Regenwald gefahren. Überall sehen wir umgestürzte Bäume. Mühsam quält sich der 4WD über die unebene Piste. Nach einer Stunde erreichen wir die ersten Ausläufer der Aschefelder. Dann geht es zu Fuß zum Kraterrand. Der Wind bläst sehr stark und wir haben binnen kurzem den Sand und die Asche überall, leider auch in den Augen und Ohren. Wir erreichen den Kraterrand zur Dämmerung und unter uns erblicken wir die kochende Lava. Alle paar Minuten erschüttern Eruptionen den Boden und wir sehen Fontänen aus glühender Lava heraufschleudern und auf die Kraterhänge fallen, wo sie langsam erstarrt. Ein unglaubliches Schauspiel, das uns hier von der Natur geboten wird. Mit allen Sinnen nehmen wir es auf, wir hören das Grummeln und Donnern, fühlen das Zittern unter unseren Füßen, spüren die Hitze bei den größeren Eruptionen, riechen die heraufziehenden Schwefeldämpfe und sehen das immer wiederkehrende Feuerwerk umherfliegender Lava. Langsam wird es dunkler und das Leuchten aus dem Erdinneren wird intensiver. Wir bleiben lange, starren in die Tiefe, auch wenn wir vom Sand wie Schnitzel paniert werden.

Wir stehen am Krater des Vulkans Yasur

Wir stehen am Krater des Vulkans Yasur

und sehen gebannt in die Tiefe zur brodelnden Lava

und blicken gebannt in die Tiefe zur brodelnden Lava

und sehen dem beeindruckendem Feuerwerk zu

und sehen dem beeindruckendem Feuerwerk zu

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bis es langsam dunkel wird

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und die Lava immer stärker aus der Tiefe leuchtet

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Wieder zurück im Dorf treffen wir uns bei Lea, die für uns kocht. Es gibt Huhn in Curry mit all den lokalen Gemüsen wie Taro, Jams, Kasava (Maniok) und einer uns fremden Kohlart. Wir tun uns schwer mit der Art der Hühnchenzubereitung, denn das magere Huhn wird hier einschließlich aller Knochen zuerst in kleine Stücke zerteilt und dann gekocht, was zur Folge hat, dass die Knochen überall sind, eigentlich essen wir Knochen mit einigen Fleischfasern daran. Fremde Länder, fremde Sitten, aber wir sind froh, dass wir an einem Tisch essen können, der nur für die Segler aufgebaut ist, denn die Dorfbewohner essen am Boden.  Andere Segler erzählen uns von einer Essenseinladung bei einem Dorfältesten, wo natürlich alle Speisen auf Blättern ganz normal auf dem Boden dargeboten wurden. Der Boden der Hütte war mit Ameisen bedeckt, sodass natürlich auch das gesamte Essen von Ameisen überzogen war. Die Einheimischen aßen das Essen einschließlich der Ameisen darauf, die Segler versuchten verkrampft und erfolglos, die Ameisen vom Essen zu trennen. Als Abschluss gab es Kaffee; bei dem sie lieber auf den angebotenen Zucker verzichteten, denn sie entdeckten, dass auch dieser sich bewegte… Wir sind froh, über den Luxus eines Tisches und genießen unser lokales Mal, auch wenn wir auf den Knochen herumkauen.

Wir segeln nach Erromango, die Insel nördlich von Tanna, und ankern nach einem schönen Segeltag gleichzeitig mit der Segelyacht Alba in der Dillon’s Bay. Wenig später besucht uns David auf seinem Outrigger-Kanu. Die Boote werden hier nach einer speziellen Art aus Weißholzbäumen geschnitzt, genauso, wie es die Vorfahren der Insulaner schon immer gemacht haben. Wir verabreden uns für den nächsten Tag, um die mitgebrachten Sachen im community house zu übergeben. Hier werden wir formell begrüßt. Reden werden auf beiden Seiten gehalten und danach führt man uns durchs Dorf, um uns die Schäden zu zeigen, die „Pam“ hier angerichtet hatte und wir sehen, wie überall neue Gärten angelegt werden. Nach dem Durchzug des Zyklons waren fast alle einfachen Hütten zerstört und Überflutungen haben alle Gärten vernichtet. Das aktuelle Problem ist, dass die neuen Anpflanzungen und die überlebenden Nutzpflanzen erst in 7 Monaten Früchte tragen werden. Der Mangel ist besonders augenfällig bei den Hunden, die bis auf die Knochen abgemagert sind. Auf der anderen Seite ist es uns Seglern wegen der strengen Quarantänevorschriften verboten, jegliche Lebensmittel an Land zu bringen. Wir haben uns natürlich nicht daran gehalten. Das passt zu dem Brief der vanuatischen Regierung, der uns in Neuseeland übergeben wurde, dass unkoordinierte Hilfsleistungen zu unterbinden sind. Am Nachmittag führt uns David zu einer Höhle, in der seine Vorfahren vor der Missionierung die Skelette ihre Toten aufbewahrt hatten. Am Eingang zur Höhle bittet er uns zu warten, bis er die Geister um Erlaubnis gebeten habe, in die Höhle einzutreten. Wir lasen im Vorfeld einiges über die brutale Geschichte von Erromango. Mehrere Missionare u.a. Pater John Williams hatten nach der Entdeckung der Insel durch James Cook den Fehler gemacht, sich unwissend über Tabus hinwegzusetzen und wurden als Strafe von den Kannibalen verspeist.Vanuatu_3_ 012

Wir besuchen mit Glynes und Neville wieder die Schule geführt von David

Wir besuchen mit Glenys und Neville wieder die Schule geführt von David

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Der Wiederaufbau

Der Wiederaufbau

Die Zerstörung

Die Zerstörung

Outrigger

Outrigger

Skelette der Vorfahren in einer Höhle

Skelette der Vorfahren in einer Höhle

Dann verlassen wir diese einfache Welt und segeln über Nacht nach Port Vila auf Efate, die Hauptstadt von Vanuatu. Welch ein Kontrast zu der Welt, die wir noch gestern erlebt haben. Hier in der Stadt scheint es alles im Überfluss zu geben, überall Autos, Häuser aus Beton, geschäftige Menschen und Internetzugang, der uns nach zwei Wochen wieder in die Gegenwart bringt. Am Abend nach unseren ersten Besorgungen und dem Besuch bei der Immigration sitzen wir an Deck und denken über die Zeit nach, die wir auf den südlichen Inseln Vanuatus verbracht haben. Wir haben mit den Dorfbewohnern erstaunlich viele Gespräche geführt und die Gänge durch die Dörfer haben uns eine andere uns kaum bekannte Welt eröffnet. Die Menschen leben hier so naturnah, wie wir Supermarktkonsumenten es uns kaum vorstellen können. Jede Familie lebt von dem, was sie selbst anbaut, an Vieh hält oder fischt. Die meisten Hütten sind wie vor Hunderten von Jahren allein aus Materialien des Waldes hergestellt. Kein Anschluss an eine zentrale Wasser- oder Stromversorgung, wenn überhaupt gibt es einen einfachen Brunnen oder sehr vereinzelt eine Lichtquelle aus einer Photovoltaikanlage gespeist.

Allein auf der kleinen Insel Tanna werden 15 verschiedene Sprachen gesprochen. Eine Verständigung geht nur über Englisch oder Französisch, bzw. in Bislama, einem Sprachgemisch. Die Bewohner führen heute noch ein sehr zurückgezogenes Leben, in dem der Kontakt nach außen zur Stadt selten ist und nur bei wenigen liegt. Immer wieder hat uns die Freundlichkeit und Offenheit beeindruckt. Die Leute wurden vom schlimmsten Wirbelsturm der letzten zwanzig Jahre im Südpazifik getroffen, haben alles verloren, leiden an Hunger und erscheinen trotzdem glücklich und freundlich. Für uns unvorstellbar. Kein Jammern, keine offizielle Unterstützung von außen, die Probleme werden gemeinsam gelöst. Ein Paradoxon: Wir lernen hier ein ursprüngliches Leben kennen. Dieses wird aber von außen beeinflusst und verändert; es lässt sich nicht konservieren. Die Zeit kann und soll ja auch nicht angehalten werden; heute erreicht das Handy die abgelegensten Orte und erste Geländewagen transportieren auch dort Touristen. Bis jetzt gibt es nur den Tauschhandel, aber wie in der anderen Welt werden erste Leistungen für Geld angeboten. Auf der Insel Pentecost stürzten sich die jungen Männer früher ausschließlich im Rahmen ihrer Initiation und bei großen Festanlässen von haushohen Holztürmen an Lianen gebunden in die Tiefe (der Ursprung des modernen Bungeejumping). Heute finden diese Sprünge und Feste wöchentlich für Touristen statt. Wir können und wollen diese Entwicklung nicht aufhalten, sind aber doch froh, noch in Teilen die weitgehend ursprüngliche Lebensweise miterleben zu können, bei allem Abstand, den wir als Segler haben, denn wir leben ja nicht in den Dörfern, sondern sind immer nur für kurze Zeit zu Besuch und schlafen nach wie vor auf dem Boot.

In Vanuatu spielen alte Kulte, Mythen, Geister und mündlich überlieferte Geschichten eine große Rolle. So entstand während des zweiten Weltkrieges der „John Frum Cargo Cult“. Einzelne Insulaner lernten während der Stationierung alliierter Soldaten die Kriegsmaschinerie kennen und waren beeindruckt von den großen Flugzeugen, die riesige Mengen unbekannter Materialien und Maschinen hereinbrachten. Sie fühlten sich auch mit den lässigen Afroamerikanern verbunden. So entstand ein Kult aus dem Glauben, die Dörfer würden eben mit diesen Gütern beschenkt werden, wenn sie mit Holzgewehren marschierten und aus Palmwedeln Flugzeuge nachahmen würden. Dieser Kult entwickelte sich zu einer Art Religion, die bis heute auf Tanna ihre Anhänger findet.

Wir verlassen Port Vila, nachdem wir uns neu verproviantiert haben, und genießen die Ruhe in der Havannah Bucht im Nordwesten von Efate. Dort sehen wir die Rainbow Warrior, das neue 190 Fuß lange Segelschiff von Greenpeace, das hierher zu einer Hilfsaktion gefahren ist. Wir kommen mit einem lokalen Piloten ins Gespräch, der uns einige Hintergründe über internationale Hilfsaktionen erzählt, die unsere Haltung nur bestätigen. Er erzählt von den unzähligen Organisationen, die sich mit Hilfsangeboten übertrumpfen wollen und sich dabei gegenseitig im Wege stehen. Wir dachten bisher positiv über UNICEF, da wir mehrfach ihre Zelte in Schulen entlegener Dörfer gesehen hatten. Nun hören wir, wie UNICEF mit zwei Hubschraubern die Dörfer anflog. Der erste war für Journalisten, die den zweiten filmen sollten, der Hilfsgüter für sie auslud. Am Abend nicht etwa vor Ort, sondern wieder zurück in Port Vila, schliefen die Leute wohl im teuersten Luxushotel am Ort und dinierten für $ 50 pro Person. Eine andere Geschichte erzählt, wie die amerikanischen air forces hier landeten, um Hilfsflüge anzubieten. Sie kennen die Inselwelt hier ja bestens durch die hiesigen Stützpunkte im zweiten Weltkrieg. Leider kamen sie mit Flugzeugen, die nicht in der Lage waren, auf den Graspisten der Inseln zu landen und somit war die gesamte Aktion weniger als nutzlos.

Auf der weiteren Reise nach Norden besuchen wir die Inseln Epi und Malekula, bevor wir Luganville auf Espiritu Santo anlaufen. Wir haben ja leider nicht die Zeit, alle Inseln zu besuchen, so suchen wir uns oft einige wenige Plätze aus, wo wir dann den Kontakt zum Land suchen. Südlich von Malekula wollten wir zwischen den Riffs der vorgelagerten Insel Maskelyne ankern, aber da dort der Schwell so ungünstig stand, liefen wir die Gaspard Bay an, die sich in die Mangroven hineinschlängelt. Wir liegen sozusagen mit der Anke-Sophie mitten im Regenwald, von allen Seiten von Bäumen umgeben und lauschen in einer ruhigen Nacht den Geräuschen des Urwaldes. Wir sehen einige Seekühe auftauchen, die hier am Grund grasen.

Unser nächstes Ziel liegt an der Nordostseite von Malekula, die kleine Insel Rano. Als wir dort ankommen, fällt der Grund so steil ab, dass wir das Schiff lieber zusätzlich mit einer Landleine an einem Baum festmachen, denn wer weiß, ob der Anker wirklich hält. Wir fragen im Dorf nach, ob es uns möglich ist, die traditionellen Tänze zu sehen, die hier immer noch gepflegt werden. Die Stämme „Small Nambas“ und „Big Nambas“ leben noch ihre alten Kulturen, in denen die Männer lediglich mit einigen Blättern bzw. Stroh bekleidet sind bzw. tragen Penisköcher, die lediglich an einem dünnen Gürtel befestigt sind. Am Abend kommt Jims, der Bruder vom „Chief“, mit seinem Auslegerkanu zu uns gerudert, um uns zu bestätigen, dass auf der Hauptinsel für uns die traditionellen Tänze gezeigt würden. Entschuldigend fragt er, ob wir bereit wären, dafür zu bezahlen. Natürlich ist dies eine Einnahmequelle für die Leute. Die Moderne kommt auch hier an, noch vor wenigen Jahre konnte man diese Tänze im Rahmen von Festen sehen, bei denen das ganze Dorf mehrere Tage gefeiert hat und Segler waren dabei einfach willkommen. Am nächsten Morgen begleiten uns Jack, der Chief, und er zu den „Small Nambas“.  Sie übersetzen für uns und erzählen von den alten Gebräuchen, von den Tänzen und den Mutproben, mit denen sich die jungen Männer beweisen müssen und wie die Initiierung verläuft. Und dann versetzen uns die Tamtam-Klänge und die wilden Tänze in eine alte Zeit zurück. Zum Abschluss wird uns noch gezeigt, wie man Feuer macht, indem zwei Hölzer aneinander gerieben werden, bis genügend Glut entsteht, um ein Feuer zu entfachen. Natürlich ist das heute touristisch, aber trotzdem sind wir froh, dies hier zu sehen.

Die traditionellen Tänze der "Small Namba"

Die traditionellen Tänze der „Small Namba“

Feuermachen ohne Streichhölzer

Feuermachen ohne Streichhölzer

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Der Chef

Der Chef

und sein Sohn

und sein Sohn

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Zurück auf der Insel Rano führt uns Jack zwei Stunden lang durch sein Reich und wir besichtigen die drei Dörfer, deren Chef er ist. In gebrochenem Englisch ist die Unterhaltung nicht leicht, aber trotzdem streifen wir Themen, über die wir nachdenken. Beispielsweise den wiederkehrenden Gedanken, dass Europa sein Christentum hierher geliefert hat, dass wir inzwischen mit der Institution Kirche nur noch wenig anfangen können, aber hier werden unverhältnismäßige Mühen unternommen, um große Kirchengebäude zu bauen. Die Missionare leisteten gründliche Arbeit und viele der alten Bräuche sind verschwunden. Naja, andererseits würden wir hier nicht mit einem Fremden durch den Wald stapfen, wenn der Kannibalismus noch praktiziert würde. Schließlich galten die „Big Nambas“ dieser Gegend als besonders blutrünstig und grausam. Wir wollen aber auch nicht verklärt von einer heilen Welt träumen, die hier so nachhaltig funktioniert. Das Frauenbild hier entspricht in etwa dem, das sich die Katholische Kirche als mustergültig vorstellt. Entsprechend ist Jack erstaunt, dass in Deutschland eine Angela Merkel als Kanzlerin die Regierung anführt.

Die Kirche auf der Insel Malekula

Die Kirche auf der Insel Malekula

Die katholische Schule

Die katholische Schule

Jack an der Anlegestellte

Jack, der Dorfchef, an der Anlegestelle

Unser Ankergrund bei Rano

Unser Ankergrund bei Rano

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Ein Dorf auf Rano

Ein Dorf auf Rano

Kinder vor unserem Schlauchboot

Kinder vor unserem Schlauchboot

Wir kommen in Luganville an. Wir werden hier ausklarieren für die Überfahrt nach Indonesien. Wir haben uns entschlossen, auf die nördlichen Inseln, Banks und Torres Islands zu verzichten, denn hier können wir uns besser verproviantieren und die Zeit ist eben zu knapp für weitere Umwege. Stattdessen will ich nach Möglichkeit nach einem halben Jahr Unterbrechung endlich mal wieder tauchen. Hier gibt es unzählige Vermächtnisse des zweiten Weltkrieges, der hier tobte. Die Alliierten haben hier etwa eine halbe Million Soldaten stationiert, um den japanischen Bestrebungen Einhalt zu gebieten, den gesamten Pazifikraum zu erobern. So wurden binnen weniger Wochen aus einsamen Buchten riesige Häfen geschaffen. Nach dem Krieg wollte keiner die Kriegsmaschinerie kaufen, also wurde sie einfach im Meer versenkt und der Schrottplatz, nun mit Korallen bewachsen, nennt sich heute „Million  Dollar Point“. Ein Tauchziel ist die SS President Coolidge, das größte zugängliche zusammenhängende Wrack der Welt. Der Luxusliner, vergleichbar mit der Titanic, lief 1942 auf eine von den USA gelegte Miene und liegt nun bestens erhalten in einer Tiefe von 21 bis 60 m vor der Küste von Espiritu Santo.

Wir sind sehr froh, dieses Land kennengelernt zu haben. Wir haben die besonders freundlichen Menschen in unser Herz aufgenommen. Wir haben riesige Gegensätze gesehen, wenn man das Leben auf den entfernten Inseln und in der Hauptstadt Port Vila vergleicht. Die Neuen Hybriden haben eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Schon 1.400 v.C. besiedelt wurde es durch die Portugiesen 1606 entdeckt und später von den Briten und Franzosen ausgebeutet und missioniert. Sandelholz wurde exportiert, bis kaum mehr etwas vorhanden war, dann folgte die Verschleppung Tausender als billige Arbeitskräfte nach Fiji, Samoa und Australien. Frankreich und Großbritannien verwalteten das Land gemeinsam, bis Vanuatu 1980 die Unabhängigkeit erlangte.

 

 

6 Antworten zu “Vanuatu

  1. Pingback: Liebster x3·

  2. Lieber Thomas, liebe Annette,
    vielen Dank für diesen unglaublichen Bericht. Ich kann es gar nicht fassen, was ihr in den wenigen Wochen auf Vanuatu erlebt und gesehen habt. Und Thomas schreibt wirklich packend und anschaulich. Mein Fernweh, das jedes Mal wenn ich die Berichte lese auftaucht wird gleichzeitig etwas gestillt.
    Es ist auch gut zu lesen, dass neben euch viele andere Segler mit Hilfen vor Ort sind, aber auch wie schnell und selbstverständlich die gemeinsame Selbsthilfe funktioniert.
    Tolle Menschen, starke Natur (der Vulkan… sagenhaft), diese riesigen Kontraste im Leben (und bei den Hilfen…) Das ist wirklich das pralle Leben, danke dass Ihr uns teilhaben lasst.
    Ganz herzliche Grüße aus dem sommerlichen Berlin
    von Michael

    • lieber Michael,

      danke für deinen Kommentar,  über den wir uns sehr gefreut haben. Ja, wir haben Vanuatu sehr in unser Herz aufgenommen. Wir denken viel und fern daran zurück, aber nun sind wir Indonesien und eine ganz andere Welt liegt vor uns. Wie Bernhard uns schon geschrieben hat, eine sehr muslimische Welt. Die Menschen sind sehr freundlich und auch offen, aber nur sehr wenige können englisch,  weshalb die Kommunikation stark eingeschränkt ist und nur mit Mimik und Händen funktioniert. Ich bin eben mit der großen Kamera durch die Basar Straßen gelaufen. Alle wollten fotografiert werden. Ich hätte eher Ablehnung erwartet.  Das Gegenteil. 

      Liebe Grüße von

      Thomas und Annette

  3. Lieber Thomas, liebe Annette, heute habe ich mal wieder auf eurer Webseite gelesen und freue mich, dass ich an eurem Abenteuer teilhaben darf. Unglaublich, was ihr alles zu berichten habt! Es befällt mich das Fernweh. Weiterhin alles Gute für euch und vielleicht einmal ein Stück weg gemeinsam.

    • Liebe Christl, danke für deine Zeilen. Wir sind gestern in Tual in Indonesien angekommen. Wieder eine ganz andere Welt liegt vor uns. Während ich das schreibe klingen die Muezzin mehrstimmig über die Bucht. Wir sind in Asien angekommen und es klingt wie im Orient.

      Wir freuen uns, euch dann wieder zuhause zu treffen, aber das wird noch bis Sommer 2016 dauern…

      Liebe Grüße von

      Thomas und Annette

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