Trondheim – Bergen

Göran und ich fahren mit der Fähre nach Trondheim; ich hatte mir die Stadt  ja vor 5 Wochen wegen Covid nicht ansehen können. Wir schlendern einen halben Tag durch die wunderschönen Gassen und bewundern von der alten Stadtbrücke Gamle Bybro (erbaut 1861) aus und entlang des östlichen Kanalufers die alten Speicherhäuser aus Holz. Am Bahnhof verabschiede ich Göran und empfange Konstantin und Julius, zwei junge Studenten, die mich für die nächste Etappe begleiten wollen.

Zurück in Brekstad wollen wir eine leichte Abendbrise nutzen, denn die kommende Woche verspricht wenig Wind, es setzt sich ein Hochdruckgebiet über uns durch. Wir kommen bis zu der  kleinen Marina Kongsvoll.

Am nächsten Morgen legen wir bei etwas Wind ab und segeln zunächst am Wind den Sund entlang, bis der Wind einschläft und dann aus NE kommt und wir den Spi setzen. Wir kommen trotz schwachem Wind gut voran und nutzen jede Böe und als der Wind einschläft, werfen wir den Anker in einer Bucht nördlich der Insel Skardsøya.

Wir haben eine ruhige Nacht, die See bleibt spiegelglatt. Am Morgen lichten wir den Anker und lassen uns im Sund treiben, Julius probiert sein Angelzeug aus, bis leichter Wind aus NE sich durchsetzt und wir wieder den Spi setzen. So segeln wir zwischen den Inseln nach SW, schiften ab und zu den Spi und das Groß, bis nach einer Pause der Wind auf SW dreht und wir mit Genua und Groß kreuzen, bis der Wind ganz einschläft und wir den kleinen Rest bis zu unserem Ziel motoren. Dann liegt Grip vor uns, die kleine Insel wurde mir von Norwegern empfohlen, sie liegt vor Kristiansund. Im malerischen Fischerdorf schmiegen sich auf Klippen die bunten Holzhäuser um die 500 Jahre alte Stabkirche. Der Hafen ist extrem eng und flach, sodass wir sehr vorsichtig unseren Weg bis zum kleinen Schwimmsteg suchen, an dem wir festmachen. Unter dem Ruderblatt sind bei Ebbe nur 50 cm Spielraum. Am Morgen kommt dann doch noch die Sonne durch und bietet Gelegenheit für ein paar schöne Bilder.

Ein Tiefdruckgebiet zieht heran und wird uns am nächsten Abend stärkeren Nordwind bringen. Wir legen bei Windstille ab und Julius will im tiefen Wasser angeln. Leider hat er kein Glück, ein prächtiger Fisch reißt die Leine und verschwindet mit dem Blinker, so ein Pech. Wir fahren unter Maschine, bis sich leichter Nordwind durchsetzt, den wir mit dem Spi einfangen, bis der Wind zu stark für den Spi wird und wir ihn durch die Genua ersetzen. Die Sicht trübt sich immer weiter ein, unser Weg durch die Schären ist immer schwerer zu erkennen. Heute mit GPS alles kein Problem, aber ich erinnere mich an die Zeiten, in denen wir ausschließlich terrestrisch mit Karte und Dreieck navigierten und Löcher in den Nebel starrten. Am Abend erreichen wie den geschützten Naturhafen der Insel Ona. Größer als Grip gibt es sogar eine Straße, aber wir fragen uns, wozu denn eigentlich, denn die Insel hat eine maximale Ausdehnung von ca. 1 km. Wir streifen durch den Ort, Julius spricht mit einem Ingenieur, der auf den Ölplattformen arbeitet, und bekommt 300 m Angelschnur geschenkt und zum Abschied eine Tüte mit 4 bereits gekochten Krabben, die unser Abendessen unerwartet verfeinern.

Am nächsten Morgen legen wir bei Nieselregen ab und nutzen den guten NNE 4-5 um möglichst viel Strecke zu machen, denn das Wetter gegen Ende der Woche wird schwierig. Wir verbringen die Nacht in Ulsteinvik in einer neuen Marina vor einem Hotel, wo wir die Duschen nutzen dürfen, und bunkern Lebensmittel und Wasser.

Da morgens kein Wind ist, legen wir erst um Mittag ab. Der Plan war, in Honningsvågen am Vestkapp in der Bucht zu ankern, wo ich bereits mit Thomas K. war. Da wir aber am Freitag nicht auf See sein wollen, wenn die Front durchgeht, segeln wir bis Maløy durch. Wir müssen wie vorhergesehen um das Vestkapp leider gegen Wind, Wellen und Strömung kreuzen und sind sehr froh, dass wir danach bei SW 4-5 den Südkurs zu unserem Ziel anliegen können. Zwischendurch ging der Puls höher, da wir den Motor nicht starten konnten. Wahrscheinlich hatten wir vergessen, die „Zündung“ nicht abzustellen, als wir den Motor ausschalteten. Ich konnte uns aber über die Lithiumbatterie Starthilfe geben.

Den zusätzlichen Tag nutze ich zum Klarschiffmachen für die nächste Crew, denn Konstantin und Julius fahren mit der Fähre nach Bergen. Olaf und Till sind auf dem Weg zu mir. Gegen Mittag wird die Anke-Sophie selbst im Hafen bei über 35 kn kräftig durchgeschüttelt. Nach Frontdurchgang ziehe ich die Wanderstiefel an und wandere auf den Veten (613 m). Eine traumhafte Rundwanderung bietet fantastische Aussichten in alle Richtungen und ich bekomme einen guten Überblick über die Insel Vågsøy, die in der Mündung des Nordfjords liegt.

Am Samstag kommen Olaf und Till an Bord, wir freuen uns alle sehr auf das Wiedersehen und schwelgen in gemeinsamen Segelerlebnissen und beginnen die Etappe mit einer grandiosen Kreuz bei südlichen Winden 3-5 Bft. im Hochgebirge um die Insel Bremanger herum entlang Frøya, Hovden und Skorpa bis an das Westende der Insel Reksta zum kleinen Fischerhafen Rognaldsvåg. Wir erklären diesen Segeltag zu einem der schönsten, den wir je hatten, so viele Bilder durften wir schießen.

Vor dem Ablegen werden wir vom Hafenmeister zum Kaffee eingeladen. Er erklärt uns die Geschichte des Dorfes und natürlich reden wir über das Wetter. Jetzt, wo wir mal richtig gutes Wetter haben, erzählt er uns, dass dies der schlechteste Sommer Norwegens seit 1964 sei. So schlimm hatten wir es gar nicht in Erinnerung, aber vielleicht liegt es ja auch daran, dass unser Kopf oft die schlechten Dinge verdrängt. Wir starten bei einem guten SW Bft 3-4 und Welle; wir können unseren Kurs nach Süden anliegen. Später wird der Wind etwas schwächer und wir kreuzen Teilstücke, bis wir die Inselgruppe Sula erreichen und in einen Sund hineinfahren und dabei in eine steinerne Märchenwelt aus runden Felsblöcken und Felswänden eintauchen. Mittendrin legen wir wieder in einem Naturhafen an, Solund bei Hardbakke.

Es geht weiter nach Süden und wir kommen gut voran, auch wenn der Wind aus südlichen Richtungen mit 3 – 5 Bft. weht. Wir genießen den Sommer und die angenehmen Temperaturen von über 20°. Am Nachmittag passieren wir die Insel Fedje, wo Thomas K. und ich vor genau 9 Wochen nach der Überfahrt von den Shetlands in Norwegen anlandeten. Von nun an geht es also in unbekanntem Revier weiter Richtung Heimat. Wir segeln durch Sunde entlang vieler Untiefen und machen in Nautnes auf Seløyna an einem Pier fest und stellen danach fest, dass dieser durch ein Gitter vom Festland abgesperrt ist. Ich klettere darüber und werde kurz danach freundlich aber bestimmt angesprochen, dass ich hier nicht sein dürfe, denn dieses Privatgrundstück sei nun ein ukrainisches Flüchtlingscamp. Ich erzähle, dass wir mit Ukrainern in Deutschland viele gute Erfahrungen gemacht hätten, aber nein, kein diskutieren hilft, wir müssen hier wieder ablegen, denn auch der Schwimmsteg sei baufällig und es fehlten die Zulassungen etc.

Wir finden in dem nahegelegenen kleinen Naturhafen Hellesøyna auf Førehjelmo mit der Hilfe von Norwegern Unterschlupf, indem wir uns an einem 90 Jahre altenrenovierten ehemaligen Fischerboot festmachen dürfen. Wieder wird lecker gekocht, wir verwöhnen uns wie immer in den letzten Tagen.

Da der Donnerstag schlechtes Wetter bringt, entscheiden wir uns lieber einen Tag früher bis Bergen zu fahren, um diesen in der Stadt zu verbringen. Nach den Tagen auf See und Übernachtungen in kleinsten Fischerhäfen freuen wir uns auf den Kontrast, machen im Stadthafen direkt vor den alten Speicherhäusern der Hanse (Unesco-Weltkulturerbe) fest. Wir schlendern durch die Straßen und besuchen das Hanse-Museum und das Schifffahrtsmuseum.

Und hier noch die Routen der beiden Wochen:

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Eine Antwort zu “Trondheim – Bergen

  1. Hallo, lieber Thomas! Habe mir gerade jetzt mal auf Google Maps angeschaut, welche Strecke du, welche Strecke ihr angefangen in Schottland mittlerweile zurückgelegt habt. Das ist ja wirklich Wahnsinn. Und immer so schöne Bilder! Aber jetzt geht’s ja wirklich Richtung Heimat, Berlin und sein kulturelles Leben aber vor allen Dingen natürlich die ZinzendorfStraße mit Annette freuen sich auf dich. Aber davor gibt’s bestimmt noch weitere schöne Bilder! Weiterhin gute Fahrt und viele Grüße aus dem heute mal regnerischen Berlin von Martín

    Dr. Martin Kübler-Hiersemann Crellestr. 22B 10827 Berlin

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