Nouvelle Calédonie

Wir sind in Neukaledonien nach einem spannenden frühen Start in Neuseeland und einer guten einwöchigen Überfahrt angekommen. James Cook benannte die Insel 1774 mit dem lateinischen Namen Schottlands. Die hügelige Landschaft mag auch daran erinnern, aber es ist schwülwarm, für uns ganz ungewohnt, und wir sind recht müde, einerseits von der Überfahrt, aber andererseits auch von der dreiwöchigen Vorbereitungsphase für das Boot, die (keiner mag es glauben) anstrengend war. In der Hauptstadt Nouméa haben wir erst einmal die Langsamkeit neu entdeckt. Drei Tage liegt die „Anke-Sophie“ an einer Mooring vor dem Hafen, da die Marina überfüllt ist. Es ist noch Zyklonzeit und alle Plätze im Hafen sind belegt von Seglern, die erst Anfang Mai starten wollen.  Wir fühlen uns wie Könige in Frankreich und erfreuen uns an frischem knusprigem Baguette, gutem Käse oder einem Brioche. Das Umfeld ist Französisch pur. Nur unser Französisch ist leider so schlecht wie zu Beginn unserer Reise. Wir verlassen Nouméa für eine Woche, um zwischen den Inseln in der Lagune zu segeln. Die Hauptinsel Grande Terre wird von einem riesigen Riffsystem umspannt, nur das Great Barrier Reef von Australien ist größer. Die Lagune ist die größte der Welt und wurde 2008 zum Weltkulturerbe ernannt. Wir finden einsame Buchten und lassen uns treiben, schnorcheln am Riff bei kristallklarem Wasser mit vielen bunten Fischen und wandern über die Inseln. Wir segeln nur 35 sm von Nouméa weg, keine großen Entfernungen, zum Glück, denn wir müssen ja auch wieder zurück. Diesmal gegen den SE-Wind und der hat auf 25 kn aufgefrischt. Das Wetter wird schlecht und es geht ganz gut zur Sache bei 6 Bft. gegen den Wind und die Welle zu kreuzen, obwohl wir nur in der Lagune segeln. Da müssen sich das neue flexible Vorstag mit der Fock und das neue Großsegel im dritten Reff beweisen.

Blick von den Inseln zu Grande Terre

Blick von den Inseln zu Grande Terre

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Wieder in Nouméa finden wir diesmal einen Platz im Hafen und darüber sind wir froh, denn wir erwarten Uschi und Werner, die uns für eine kurze Zeit besuchen wollen.

Leben wie Gott in Frankreich

Leben wie Gott in Frankreich

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Annette backt uns einen Apfelkuchen, lecker oder?

Annette backt uns einen Apfelkuchen, lecker, oder?

Wir streifen erneut durch die Stadt und sind über die Folgen des Kolonialismus erstaunt. Die Teilung in eine Zweiklassengesellschaft ist enorm und geht uns hier ganz schön unter die Haut. Wir können inzwischen auch Parallelen ziehen. Es regnet draußen in Strömen und Annette und ich diskutieren über Vergleiche. Wir haben in Neuseeland viel gelesen und uns viel unterhalten über das Verhältnis der Maori zu den europäischen Einwanderern. Immerhin wurde der Vertrag von Waitangi unterzeichnet und es erscheint uns, dass zwischen den Maori und den Nachfahren der europäischen Siedler heutzutage ein recht entspanntes und aufgeschlossenes Verhältnis besteht und sich die Neuseeländer gerade in der letzten Zeit bemühen, die Fehler der Vergangenheit teilweise wieder gutzumachen, sofern das überhaupt geht.

 

Wenn wir die Australier, zumindest aus unserem beschränkten Blick heraus, betrachten, dann scheint das Verhältnis zu den Aborigines viel angespannter zu sein. Wir haben recht rassistische Äußerungen von –zugegeben wenigen Exemplaren, aber eben doch – weißen Australiern gehört. Dazu kommt, dass das Land früher zu wesentlichen Teilen durch das Abschieben von Strafgefangenen in die Kolonien besiedelt wurde. Großbritannien hat Hunderttausende nach Australien geschickt. Beides sind nicht gerade gute Startpunkte für ein aufgeschlossenes modernes Zusammenleben. Für uns scheint es so, dass heute die Geschichte in Australien von der Bevölkerung wesentlich schlechter aufgearbeitet ist als in Neuseeland und die sozialen Defizite größer sind.

Und nun sind wir in Neukaledonien. Die Franzosen stehen den Engländern in nichts nach. Hier wurde ganze Arbeit geleistet. Wir erleben das Leben in Nouméa zweigeteilt. Die weißen Franzosen leben hier im Südwestpazifik ihr „savoir vivre“ mit allen französischen Vorzügen, stark subventioniert vom Mutterland. Wir genießen ja auch das frische knackige Baguette und die fantastische Käseauswahl. Die Kanaken – selbst von Deutschland kennen wir den Begriff als Schimpfwort rechter Ausländerfeinde – scheinen aus der aktiven Gesellschaft ausgegrenzt zu sein. Im Stadtbild sind es die weißhäutigen Franzosen, die in teuren bzw. neuen Autos umherfahren und geschäftig, gesellig bis geschwätzig oder lustig sind, während die dunkelhäutigen Melanesier an den Bushaltestellen oder an den Straßenecken eher depressiv wirkend abhängen und anscheinend nichts zu tun haben. Die Kanaken wurden fortwährend unterdrückt und benachteiligt. Wahlrecht wurde ihnen erst 1952 zugebilligt und das Versprechen eines Referendums zur Unabhängigkeit wird 1998 mit dem „Nouméa Accord“  weiterhin in die Zukunft verschoben. Politisch geschickt wird das Land in Regionen eingeteilt, damit für den Fall einer Separierung den Französischstämmigen die an Bodenschätzen reichen Regionen und den Kanaken die armen Regionen zufallen werden. Ja und Strafgefangene hat Frankreich früher hierher gebracht, wie die Briten nach Australien.

Kanakische Frauen in Nouméa

Kanakische Frauen in Nouméa

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Nun, wir sind hier Gäste, sehen nur das, was uns die Augen sehen lassen, und lesen, was ein Reiseführer zu berichten weiß. Aber wir werden uns weiter erkundigen und freuen uns auf den Besuch des Tjibaou Kulturzentrums. Namensgeber ist ein kanakischer Führer, der von Extremisten 1989 ermordet wurde. Das fantastische Gebäude wurde von dem Architekten Renzo Piano und Arup geplant. Wieder ein Ziel mit Erinnerungen an Arup, das wir uns nicht entgehen lassen wollen.

Tjibaou centre culturel von Renzo Piano

Tjibaou centre culturel von Renzo Piano

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Bilder aus den Ausstellungen im Inneren

Bilder aus den Ausstellungen im Inneren

Auch Moderne Kunst

Auch moderne Kunst

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Portraits von Kanaken

Portraits von Kanaken

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Dachkonstruktion einer Hütte in traditionelle Baukunst als Idee für das Kulturzentrum

Dachkonstruktion einer Hütte in traditioneller Baukunst als Idee für das Kulturzentrum

Wir feiern die Ankunft von Uschi und Werner an Bord und mieten uns ein kleines Auto, um damit für zwei Tage den Süden der Hauptinsel zu erkunden. Wir fahren gemeinsam zum „Tjibaou centre culturel“ und bestaunen das Projekt. Riesige holzverleimte Balken überspannen wie Schiffsspanten die einzelnen Ausstellungsräume. Renzo Piano hat sie in freier Anlehnung an die ursprüngliche Bauweise der Versammlungshäuser konstruiert und integrierte sie  wunderbar in die Landschaft. Es sind fantastische Blicke, die sich eröffnen, wie die einzelnen eleganten Holzbauten zwischen den Bäumen stehen. Die zweischalige Fassade wird für die natürliche Lüftung des Gebäudes genutzt, indem bei wenig Wind der Kamineffekt genutzt wird. Lüftungsklappen auf der Luv- und Leeseite des Gebäudes erlauben eine freie Querlüftung. Auch bei Starkwind übernimmt die Fassade eine regulierende Funktion. Beeindruckend sind auch die statischen Details und die Verbindungsstücke. Mehr über das Projekt ist unter dem folgenden Link zu lesen.kanakculturalcentrenoumeanewcaledonia

Auf der Fahrt entdecken wir ein fast verlassenes Kloster. Wo früher fleißige Missionsarbeit geleistet wurde, hat heute der Verfall das Gelände im Griff. Wir flüchten vor einem tropischen Regenguss und machen Brotzeit unter einem maroden Vordach.  Dann wollen wir in die Berge und besuchen im Landesinneren den „Parc Provincial de la Rivière Bleue“. Wir baden im Stausee und sehen bizarre Bäume im Wasser stehen.

Klosteranlage St. Louis

Klosteranlage St. Louis

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Parc Provincial de la Rivière Bleue

Parc Provincial de la Rivière Bleue

Neukaledonien_2_ 054 Neukaledonien_2_ 064Dann ist es soweit, wir müssen uns ausklarieren und besuchen nacheinander Immigration, Zoll und Hafenpolizei und füllen brav unsere Formulare aus. Der Proviantierungseinkauf beim „Casino“ bringt eine Enttäuschung mit sich. Wegen des französischen Feiertags darf kein Alkohol verkauft werden. Nun gut, wenn die neuseeländischen Restbestände verzehrt sind, dann werden wir uns in Enthaltsamkeit üben. Unseren Hochzeitstag feiern wir in einem netten kleinen französischen Restaurant und genießen noch einmal die französische Küche.

Am nächsten Morgen legen wir um 7:30 bei dauerhaftem Starkregen ab. Die Dieseltanks werden mit zollfreiem Diesel gefüllt,  ein Regenschirm verhindert, dass der Regenguss in den Tank kommt. Dann verlassen wir Nouméa. Wir wollen mit Uschi und Werner zur Ile des Pins segeln und sie dann dort verabschieden. Zum Glück hört nach einigen Stunden der Regen auf, auch wenn er warm war, so nervte er dann doch irgendwann. Aber der Wind bläst uns wie erwartet aus SE entgegen, sodass wir zwischen Koralleninseln und Riffs unserem Zwischenziel entgegen kreuzen. Wir ankern im kleinen Atoll der Ilo Mato kurz vor der Abenddämmerung. Am nächsten Morgen stehen wir noch im Dunkeln auf, um möglichst früh den Anker zu lichten, denn wieder liegt eine Kreuz von 37 sm vor uns, bis wir am zweiten Abend in der Bucht von Kuto ankern.  Am Morgen erkunden wir die Bucht, Uschi und Werner suchen sich ein Hotelzimmer und wir fragen noch einmal im Alimentation nach ein paar Flaschen Bier, aber auch hier haben wir kein Glück, es gibt keinen Alkohol. Es soll wohl so sein, uns bekümmert es nicht, wir können auch Tee trinken. Trotz schwacher Windprognose wollen wir los, denn Vanuatu wartet auf uns. Wieder heißt es Abschied nehmen, wieder kullern Tränen, wieder lassen wir Freunde nach einer schönen gemeinsamen Zeit zurück und segeln weiter. Es scheint unsere Bestimmung zu sein. Glück und Abschied gehören zusammen.Neukaledonien_2_ 078 Neukaledonien_2_ 079 Neukaledonien_2_ 082 Neukaledonien_2_ 128

Gerne wären wir länger geblieben, aber der Wind nimmt zunächst ab und eine Hochdruckbrücke wird eine Flaute bringen, danach soll der Wind kräftig zulegen. Beides keine angenehmen Aussichten, weshalb wir gleich mittags ablegen. Die ersten fünf Stunden brauchen wir, um das weiträumige Riffsystem der Ile des Pins nördlich zu umfahren. Wie erwartet ist der Wind zunächst sehr schwach und wir müssen die Maschine unterstützend nutzen. Dann bekommen wir leichten Südwind mit 6 kn, mit dem wir bei halbem Wind in die Nacht fahren. Wenn alle Fahrten so wären. Wir blicken stundenlang zurück auf die Insel, auf der wir Uschi und Werner zurückgelassen haben. Wir sind dankbar, dass sie den Abstecher zu uns in ihre Reise eingeplant haben. So hatten wir die seltene Gelegenheit, Freunde von zuhause an Bord zu haben. Wir haben das wohltuende Gefühl, dass die gemeinsame Woche die Freundschaft intensiviert hat. Es sind diese Momente, die unsere Reise anfüllen.

Blick vom Boot in der Bucht Kuto auf Ile des Pins

Blick vom Boot in der Bucht Kuto auf Ile des Pins

Paradiesischer Blick von Land aus zur Anke-Sophie

Paradiesischer Blick von Land aus zur Anke-Sophie

Der Wind nimmt wie in den grib files vorhergesagt leicht zu und dreht auf Ost, sodass wir Aneityum, unser erstes Ziel in Vanuatu, anliegen können. Das Wetter beschäftigt uns fortlaufend, denn wieder einmal zeigte sich kurz vor der Abfahrt ein Zyklon, der sich über den Solomon Inseln entwickelte. Er nahm rasch an Intensität zu und wurde zum tropischen Zyklon, zum Glück zeigt seine prognostizierte Laufbahn nach Westen weg von uns nach Australien. Wir sind froh, den guten Kontakt zu unseren segelnden Wetterfröschen zu haben, denn der Südpazifik hat sich in Äquatornähe in den letzten drei Monaten überdurchschnittlich erwärmt. Dies zählt als Indikator für ein El-Nino-Jahr, in dem sich viele Wettergeschehen abnormal verhalten. So liegt die Konvergenzzone für die Jahreszeit noch viel südlicher als gewöhnlich und über den Solomonen kocht sich das Wetter eine Suppe, vor der die Metrologen warnen und wir haben Respekt davor.

Die Kulisse von Neukaledonien auf der Passage nach Vanuatu

Die Kulisse von Neukaledonien auf der Passage nach Vanuatu

 

 

3 Antworten zu “Nouvelle Calédonie

  1. … und schon wieder ein so langer und großartiger und informativer und bunter Bericht von euch! Danke! Auch für die Portaits von euch! Vor 25 Jahren war ich selbst im „pays kanaki“, wie es von den Einheimischen liebevoll bis trotzig genannt wurde. Viele Erinnerungen kommen an die Oberfläche – manches scheint sich kaum verändert zu haben, anderes grundlegend. Aber jetzt zu Vanuatu kann ich keinerlei Erfahrungen beisteuern, das erlebt ihr sozusagen exklusiv! Seid aus der heimatlichen Ferne umarmt – euer Bernhard

  2. I love your posts Thomas. Very informative, beautiful, and most importantly, heartfelt. I look forward to following in your wake to New Caledonia later this season for the food, the nature, and the Tjibaou Cultural Centre. I am not looking forward to the Colonialist cultural divide.

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