Lofoten

Wir wären am liebsten gar nicht abgelegt, denn wir sind schlapp, draußen ist es Grau in Grau, der Wind weht mit 5 Bft. fast aus der Richtung, in die wir wollen, und es regnet immer wieder heftig. Aber unsere Nachbarn wollen mittags los und wir liegen im Päckchen außen. Nicht jammern, wir haben ja nur ein kurzes Stück bis Forvik und sind dann doch froh, dass wir uns aufgerafft haben, denn wir liegen dort  viel geschützter und in herrlicher Abgeschiedenheit, wieder ein gemütlicher Stegplatz mit Steckdose. Der nächste Tag genau das Gegenteil zum Vortag, wir sind beide bester Laune und freuen uns zunächst hoch am Wind bei WNW 3 Bft. durch die Fjorde und Sunde zwischen den Inseln und dem Gebirge auf dem Festland entlangzusegeln. Ab und zu kommt sogar die Sonne heraus. Wir schicken meinem Bruder Andreas ein Bild von den Schneeresten als Antwort auf sein Bild vom Garten, wo er in der Sonne liegt. . Uns sind jedoch 10° in Norwegen dann doch lieber als die nächste Hitzewelle, die mit 40° über Deutschland zieht. Es gibt uns eine schöne Ausgeglichheit, durch diese traumhafte Landschaft zu gleiten, welch ein Glück haben wir, dass die Windrichtung seit Tagen stimmt und wir gut vorankommen. Die Ausblicke wechseln ständig, das Wetter auch – von kurzen Regenschauern bis zu Sonnenschein – und wir freuen uns auf Kaffee und Zimtschnecke an unserem Gastliegeplatz in Nesna und auf den anschließenden Spaziergang durch den Ort.

Bei gutem Westwind legen wir am nächsten Tag wieder ab und folgen einem zuvor gesuchten Weg durch die Inseln hinaus auf die offene See, das heutige Ziel ist die weit abgeschiedene Inselgruppe Myken. Anfänglich auf Amwindkurs kommen wir gut voran, aber in der zweiten Hälfte draußen wird der Wind schwächer, als er auf SW dreht, und die Wellen so heftig, dass wir nicht weiter segeln können. Obwohl der Wind mit 9-11 kn weht, schlagen die Segel mal wieder erbärmlich. Das ist frustrierend, auch weil nach dem Segelbergen das Boot unter Maschine zum Spielball der Dünung wird. Welch ein Kontrast, als wir in den schmalen Kanal im Archipel von Myken einlaufen und Ruhe einkehrt. Über allem steht das Leuchtturmhaus. Wir finden einen guten Liegeplatz am Gästeponton. Wir bewundern diesen mystischen Ort und können erahnen, wie entbehrungsreich hier das Fischerleben früher gewesen sein muss. Auf der Fahrt hierher haben wir den Polarkreis überschritten. Er liegt auf 66° 33′ 55″; von da sind es zum Nordpol nur 2616 km, während der Abstand zum Äquator 7386 km beträgt. Durch die Neigung der Erdachse von 23,43° geht am Polarkreis die Sonne am Tag der Sommersonnenwende gerade nicht unter, was Mitternachtssonne genannt wird. Für uns gilt das nicht ganz, denn wir sind nicht am 21. Juni, sondern am 17. Juli hier, aber es ist praktisch die ganze Nacht hell, während die Sonne in Berlin bereits um 21:20 untergeht und es schon bald danach stockfinster ist. Wir sind also ab jetzt im Polarmeer und haben es ganztägig hell.

Nun steht die letzte Etappe zu den Lofoten an. Bisher waren die Gezeiten unwichtig, aber nun muss ich mich wieder darum kümmern, denn die Strömungen bei den Lofoten sind berüchtigt. Für die Überfahrt ist ein stärkerer Südwind angesagt, ideal für die 55 Seemeilen bis Værøy nach Norden, eine den Lofoten vorgelagerte Insel. Ich bestimme die Ankunftszeit auf 20 Uhr, da dann bei Hochwasser Narvik + 3 Std ein NW-Strom stehen soll. Also legen wir um kurz vor 12 Uhr ab, da wir mit einer Überfahrt von ca. 8 Stunden rechnen. Wir haben zwar starke Dünung von der Front, die nachts über uns hinweg zog, aber der Wind ist kräftig genug, um uns unter ausgebaumter Genua und Groß (Schmetterling) nach Norden zu schieben. Bei mir kommen gute Gefühle von lange zurückliegenden Überfahrten hoch, mit hohen Wellen, zügiger Fahrt und der Weite der See ohne Landsicht. Dann kommt von Annette der Ruf „Land in Sicht“ und wir sind verzaubert vom Anblick der Inselkette, die sich nun aus dem Dunst erhebt, je näher wir kommen. Auch dies erinnert uns sehr an den Moment, als wir 2014 bei Fatu Hiva auf den Marquesas ankamen, damals allerdings nach einer 3-wöchigen Überfahrt, aber die Inseln haben eine ähnlich dramatische Erscheinung. Das Wetter wird zunehmend besser, wir werden hier zumindest einen schönen Sommertag haben. Ich mache noch spät eine Runde um den Hafen und fange das Abendlicht um kurz vor Mitternacht ein. Überall sind die Holzgestelle zu sehen, auf denen im Frühjahr der Stockfisch luftgetrocknet wird und als Exportschlager in die ganze Welt exportiert wird. Da das gute Wetter mit Flaute einhergeht, nehmen wir uns gerne einen Hafentag, um die wilde Berglandschaft der Insel mit Rädern und Wanderstiefeln zu erkunden. Wir fahren zum Nordostkap, besichtigen die alte umverlegte Kirche von Nordland und ich steige auf den Sattel des Berges Hornet. An dieser Stelle sei kurz auf das norwegische Preisniveau hingewiesen. Zum Beispiel kosten uns die beiden Räder für einen Tag 52 € oder ein 3-Liter Tetrapack Weißwein kostete vor einigen Tagen 43 €, was uns deutlich günstiger kam als Wein in Flaschen. Wein ist in Norwegen eben nicht im Supermarkt zu beziehen, sondern dafür muss man ein Vinmonopolet suchen und Monopole sind nun mal teuer. Vergessen wir die Preise, unsere Devise lautet, nicht ärgern lassen… Konzentrieren wir uns lieber auf die Landschaft, lassen wir die Bilder für sich sprechen.

Nach dem Tag an Land wollten wir am Mittwoch zur Hauptinsel der Lofoten segeln. Wir beschäftigen uns mit unserer nautischen Literatur und lesen über den Mælstrom und den Moskenstraum. Es handelt sich um berüchtigte Gezeitenströme und Wirbel, die zwischen dem südlichen Ende der Lofoten, Moskenesøy (westlichste Lofoteninsel) bzw. Lofotodden und der nördlich von Værøy liegenden kleinen Insel Mosken sein Unwesen treibt. Diese berüchtigten Strömungen sind von Jules Verne und auch von Edgar Alan Poe literarisch verarbeitet worden. Ich berechne für das Ablegen 9 Uhr, um dann mit einer NE-Strömung in Richtung Lofoten segeln zu können. Nachts hören wir aber schon den Wind pfeifen und der kommt blöderweise aus NNE, also nicht nur gegenan, sondern auch noch mit der Situation, dass Strömung und Wind gegeneinander laufen, was zu den gefürchteten Kreuzseen führt. So entscheiden wir uns dann doch, obwohl wir früh aufgestanden waren, für einen weiteren Pausentag, denn am nächsten Tag weht der Wind schwächer und aus SW, also ideal für uns. Wir haben eine angenehme kurze Überfahrt nach Reine und sehen die spektakuläre Landschaft schon lange, bevor wir Reine erreichen. Leider wieder oft in Wolken, aber auch mit hellen Sonnenflecken. Während wir auf Værøy unter uns und ohne Touristen waren, haben wir das Gegenteil, Tourismus pur, aber mit dem Vorteil, dass wir am Abend uns im Restaurant „Gammelbua“ mit Fisch verwöhnen lassen. Es nieselt eigentlich bis auf kurze Unterbrechungen mit einigen Sonnenstrahlen durch.

Am nächsten Tag segeln bzw. motoren wir zum Nusfjord, der uns von Norwegern empfohlen worden war, es liegt auf der zweiten Lofoteninsel Flakstadøy. Ein extrem schmaler Seitenfjord hat Platz für zwei Segelyachten und zwei Fischerboote, wir liegen sozusagen mitten im Museumsdorf, es soll das schönste Dorf Europas sein. Um die Bucht wurden die alten Fischerhäuser, Stelzenhäuser, die teilweise über dem Wasser stehen, sog. Rorbuer, als Gästewohnungen saniert. Und das vor einer unglaublichen Berg- und Fjordkulisse. Eine kleine Wanderung bringt uns entlang der Klippen vorbei an einem kleinen Walfischmuseum, bei dem wir mit einem älteren Norweger ins Gespräch kommen und einiges über den Walfang erfahren. Und er erzählt uns von seinem Vater und Erlebnissen mit den Deutschen bei der Schlacht um Narvik. Ein Deutscher hatte sich mit seinem Vater angefreundet und einige Jahrzehnte später stand plötzlich dessen Sohn vor ihm und begrüßte ihn mit seinem Vornamen Arne, dessen Vater hatte ihn mit dem Namen seines Vaters getauft.

Nach einer weiteren traumhaft ruhigen Nacht, nur die Möwen schrien, segeln wir wieder ein kleines Stück die Bergkette der Lofoten entlang und landen auf der Suche nach einer Dusche in Ballstadt auf der dritten Lofoteninsel Vestvågøy. Dort nehmen wir direkt nach der Ankunft den Bus nach Borg, wo wir eine Ausgrabungsstätte der Wikinger besuchen. 1981 hatte ein Bauer beim Pflügen Überreste des größten je gefundenen Wikingerlanghauses entdeckt, 83 m lang und 9 m hoch. Es wurde ca. 500 n. Chr. erbaut und wohl 500 Jahre lang genutzt. Neben dem Fundort hat man das Haus originalgetreu nachgebaut und im Museum werden viele Fundstücke gezeigt, von denen niemand zu träumen gewagt hatte.

Das Wetter wird besser und wie zuvor in den Wetterdaten vorhergesagt dreht der Wind von ENE auf NNW zu unseren Gunsten und wir können unser Ziel ohne eine Wende halbkreisförmig ansteuern. Als wir Henningsvær erreichen, haben wir endlich mal wieder einen kurzen Sommer für einen Tag mit Sonne pur. Der kleiner Fischerort auf mehreren Inseln ist über einen Damm und eine Brücke mit Austvågøy, der östlichsten Lofoteninsel, verbunden und liegt vor der pittoresken Gebirgskette. Alle Plätze an den Schwimmstegen sind belegt (leider achten die Bootsführer oft nicht darauf, platzsparend dicht an dicht festzumachen) und wir machen an den Tobiasbryggen fest, wo wir bei einem Restaurant eine Steckdose und abends Fish und Chips und eine Sauna mit Dusche finden. Wir schlendern an beiden Ufern entlang der Speicher und Werkstätten und entdecken plötzlich eine fantastische Ausstellung von Ai Weiwei in der Kaviarfabrik. Wir unterhalten uns mit der Leiterin der Ausstellung und sie erzählt uns einiges über ihn und die ehemalige Fabrik. Sie sagt uns, dass die meisten Deutschen Ai Weiwei kennen, aber die meisten Norweger nicht. So habe die FAZ einen Artikel über die Ausstellung geschrieben, aber die lokale Zeitung keinen. Die Ausstellung gefällt uns sehr gut, Ai Weiwei macht mit seiner Kunst Politik und thematisiert viele Flüchtlingsschicksale, wie in „Floating“ (Videos über Flüchtlingsboote vor Lesbos) oder die „Navigation Route of the Sea-Watch 3“ vor Italien im Juni 2019 oder „After the Death of Marat“. Ai Weiwei hat seine Bilder mit Lego-Steinen gefertigt.

Den nächsten Hafen Svolvær erreichen wie nach einer Kreuz bei Bft. 5 aus ENE und Nieselregen. Der Sommer ist leider schon wieder vorbei.

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, das Niedrigwasser ist um 6:30 Uhr und wir wollen zum Trollfjorden bei aufsteigendem Wasser segeln; außerdem sind für den Morgen leichte Winde angesagt, während am Nachmittag  ein Nordwind mit 5 Bft und über Nacht bis 7 angesagt wehen soll. Wir haben mit einer längeren Motorfahrt gegenan gerechnet und sind dann aber froh, dass wir fast die gesamte Strecke kreuzen können bzw. den Raftsundet mit einem Anlieger bis zum Trollfjorden segeln können. Wir fahren in den traumhaften Fjord ein, der an der engsten Stelle nur 100 Meter breit ist, aber dafür erheben sich die Felswände fast 1000 Meter hoch. Am Ende des Fjordes treffen wir die in 8 Jahren selbst gebaute deutsche Segelyacht „Balthasar“ aus Bremerhaven. Wir übernehmen den einzigen Liegeplatz am Wasserkraftwerk, als sie abfahren, und teilen ihn später mit einer polnischen Yacht. Am Nachmittag, nachdem der Niesel aufhört, steige ich einen steinigen und rutschigen Weg zur Trollfjordhytta (405 m) auf, die wunderbar am Isvatnet See zwischen Resten von Schneefeldern liegt. Die Route folgt der Wasserleitung und den Stromleitungen des Kraftwerks. Oben treffe ich ein norwegisches Paar, das sich in der gemütlichen Hütte für ein paar Tage eingerichtet hat. Als ich wieder zum Boot komme, zeigt mir Annette ihr Geschenk, das sie von norwegischen Motorbootfahrern bekommen hat, die bei uns längsseits liegen. Zwei Boxen voll mit frischgefangenen Seelachsfilets. Was für ein Fest, besten Fisch satt für drei Tage. Wir bedanken uns mit schottischen Bierreserven. Die Nacht über regnet und weht es, aber wir liegen gemütlich und trocken (ich von der Wanderung etwas erschöpft) unter Deck. Am nächsten Morgen regnet es immer noch und pfeift in der Takelage, sodass wir erst um 14 Uhr ablegen. Wir verlassen den wolkenverhangenen Trollfjorden und damit auch die Lofoten und segeln weiter Richtung Ost zu den Ofoten…

Und hier die Gesamtstrecke und als Detail die Tour der Lofoten:

  

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2 Antworten zu “Lofoten

  1. Liebe Annette, lieber Thomas, einfach toll! in den nächsten Tagen muss ich mir die Fotos noch mal in Ruhe angucken, die tollen Lichtspiegelungen, die Landschaften, die Häuser, das Wasser, die Wolken. Schade nur, dass Ihr so selten Sommerwetter habt. Viele Grüße in den Norden, Annette*

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