Oban – Stornoway / Lewis and Harris, Äußere Hebriden

Wir, Annette und Thomas, nutzen die Osterferien, um nach Anke-Sophie zu sehen. Sie steht seit 7 ½ Monaten an Land auf Kerrera Island vor Oban. So lange war sie noch nie alleine ohne uns. Der Marina-Manager Tim hat sich um sie in der Zwischenzeit gekümmert. Das Problem mit dem Getriebe im Sommer 2021 löste sich dadurch auf, dass er feststellte, dass die Verzahnung des Propellers zur Welle vollkommen abgeschliffen war. Der Propeller hatte sich wohl gelöst und schliff lange, ohne dass es zu bemerken war, bis er plötzlich in Tobermory überhaupt nicht mehr griff. Ich hatte die Gelegenheit genutzt und Tim im Herbst gebeten, trotzdem die Gummimanschette des Saildrive zu wechseln, denn das war überfällig. Es bedeutete aber, dass der komplette Motor ausgebaut werden musste, um das Getriebe demontieren zu können. Die Anke-Sophie konnte erst am Donnerstag, 14.04.2022 über die Rampe zu Wasser gelassen werden, da ab dann das zunehmende Hochwasser das Slippen erlaubte. Die Tage davor brauchten wir aber auch, um das Antifouling aufzutragen, den Rumpf zu reinigen und unter Deck klar Schiff zu machen, denn wir hatten doch einiges an Wasser im Boot und durch die Feuchtigkeit leider auch einigen Schimmel an Bord.

Das Wetter ist recht kühl und feucht und die Wetterberichte zeigen uns auch viel Wind für die ersten Tage. Am Freitag werden die Segel angeschlagen und das Deck geschrubbt, es hatte sich mit seinem grünen Bewuchs schon der schottischen Landschaft angeglichen. Am Samstag musste ich in den Mast, um den Anemometer zu demontieren, denn er hatte die Winterstürme nicht überstanden. Und dann geht es nach langer Zeit endlich wieder los. Die erste Etappe segeln wir durch den Sound of Mull bis Tobermory, wo wir nach dem Anlegen sogleich in die Distillery zur Whiskyverkostung wechseln. Zum Abendessen finden wir ein nettes Restaurant, das in der Kirche eingerichtet wurde. Wir saßen auf alten Kirchenbänken und erfreuten uns an schottischen Spezialitäten wie Haggis (Herz, Leber und Lunge im Schafsmagen) und Black Pudding (Blutwurst).

Bei Regen geht es am nächsten Morgen Richtung Mallaig weiter. Wir hatten die ursprüngliche Route entlang der Westküste von Skye wegen der starken vorhergesagten Winde verworfen und wollen lieber den inneren Weg wählen, da wir uns dort mehr Schutz erhoffen. Die Wettermodelle zeigen alle unterschiedliche Werte, das Wetter scheint nicht eindeutig zu bestimmen zu sein, eines ist aber schon länger klar, dass am Montag viel Wind kommen soll, bis zu 45 Knoten sind in Böen angesagt, da bleiben wir lieber in Mallaig. Wir unternehmen einen Landausflug und fahren mit der schottischen Bahn nach Glenfinnan, um dort zu dem berühmten Viadukt zu wandern, das in mehreren Filmen u.a. bei Harry Potter zu sehen ist. Das imposante Bauwerk wurde 1901 fertiggestellt als eine reine Massivkonstruktion aus Beton noch ohne Bewehrung, zu jener Zeit eine innovative Technik.

Wir studieren die nautischen Unterlagen und berechnen, dass wir am nächsten Morgen um 5 Uhr aufstehen müssen, um „Caolas an Mamnachuidh“, die Meeresenge zwischen der Isle of Skye und dem Festland, rechtzeitig um 8:25 Uhr zu erreichen, bevor die Strömung gegen uns kippt, die bei Springtide an dieser Stelle bis zu 8 kn beträgt. Da würde Anke-Sophie selbst bei Vollgas ca. 2 kn rückwärtsfahren… Wir erreichen unser Tagesziel gegen Mittag: die kleine Insel Rona östlich von Skye. Eine winzige Bucht, vollkommen geschützt und verwunschen, empfängt uns mit einer Mooringtonne. Wir treffen Bill, der seit Jahrzehnten mit seiner Frau auf der Insel wohnt. Er ist angestellt von der Dänin Dorte Mete Jensen, die die Insel 1992 für 250.000 GBP gekauft hat, um sie als Naturschutzgebiet ohne staatliche Zuschüsse zu bewahren. Die Insel war eine Pirateninsel, vor allem wegen des natürlichen Hafens, bis sie 1518 durch den ersten MacLeod übernommen wurde und danach eine wechselhafte Geschichte hatte.

Das Hochdruckgebiet setzt sich durch, der Wind schläft ein, die Sonne zeigt sich nach Tagen wieder und wir genießen die Zeit in der Einsamkeit beim Wandern über die Insel und freuen uns bei einem gemütlichen Abend an Bord über die Heizung, als es draußen wieder lausig kalt wird.

Am nächsten Morgen setzen wir über zu den Äußeren Hebriden und steuern das kleine Inselarchipel der Shiant Isles an. Es hat ebenfalls eine lange Geschichte und wird von MacCulloch (1773 – 1835) in „The Highlands and Isles of Scotland“ als „one of the most magnificent colonnades“ beschrieben, das in den Western Islands zu finden sei. Die Insel wurde 1937 von Nigel Nicolson für 1.300 GBP gekauft und ist heute noch in Familienbesitz. Adam Nicolson hat die unbewohnte grasbewachsenen Klippen und die Basaltsäulen voller Seevögel in seinem 2001 erschienen Buch „Sea Room“ beschrieben, ein Buch, das ich unbedingt lesen will; ich hatte im Vorfeld schon versucht, es in Berlin zu kaufen, was mir erst einmal nicht geglückt ist. Es soll bald in Deutsch erscheinen, aber ich will es auf Englisch lesen. Adam ist ein Enkel der Familie Nicolson, welche die Gartenanlage Sissinghurst Castle schuf, eine Familie voller Schriftsteller und Politiker. Aber zurück zum Segeln: Man kann vor den Inseln bei leichten Westwinden ankern, es geht auch bei Ostwinden auf der anderen Seite. Leider haben wir Südwind, der nachts auf Osten drehen soll. Wir entscheiden uns, auf einer Flachstelle genau zwischen den beiden größten Inseln auf 6 m Wassertiefe zu ankern. Als aber eine Stunde später eine Strömung einsetzt, bekomme ich Zweifel, ob wir hier eine ruhige Nacht haben werden, und wir entscheiden uns doch, den Anker wieder zu heben und weiter bis Stornoway zu motoren, denn der Wind ist inzwischen eingeschlafen.

Dort werden wir im alten Stadthafen herzlich von anderen Seglern empfangen, die hier schon mehrere Jahre  überwintert haben, da der alte Stadthafen sehr geschützt ist. Wir haben viel zu organisieren. Die Sprayhood muss geflickt werden, da die Winterstürme ihr stark zugesetzt haben und der Segelmacher in Oban keine Zeit dafür gehabt hat. Hier finden wir Morag, die eine Polsterei betreibt und uns helfen kann. Der Windmesser hat die Winterstürme ebenfalls nicht überlebt und wird zu einem Reparaturservice eingeschickt, denn es gibt keine Ersatzteile mehr dafür. Ja, und dann ist die erste Etappe von einer Woche mit 141 nm zu Ende, hier noch einmal die Route im Überblick.

Am Samstag setzen wir mit der Fähre nach Ullapool über, um von dort mit Bussen nach Edinburgh zu fahren. Wir haben hier noch einen tollen Nachmittag und eine Übernachtung, bis es dann zurück nach Berlin geht. Dort werde ich noch 6 Wochen arbeiten, bis es am 8. Juni weiter gehen soll und Annette will in den Sommerferien nachkommen.

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Eine Antwort zu “Oban – Stornoway / Lewis and Harris, Äußere Hebriden

  1. Liebe Berliner Segel – Junkies!

    Wie beneidenswert: Da wo Ihr seid, schwebt Ihr auf den schönen Seiten des Lebens – Glückwunsch! Anke Sophie ist auf dem besten Weg, wieder unternehmungslustig zu werden und Ihr genießt die Tage weit weg von den Problemen der Europäer.

    Hier auf dem Kontinent – auch in Schweden – macht der Krieg das Frühjahr zu einer „bleiernen Zeit“.

    Da freut man sich besonders über jeden gelungenen Tag. Und so erholen wir uns auch. Immer ein bisschen Arbeit und dann wieder die Freude darüber, dass wir das alles machen können.

    Aber so umfangreiche Reparaturen wie Ihr, neeee, das ist eine viel spannendere Welt, weil: Man weiß ja nicht ob sie wirklich gut war und die nächsten kritischen Situationen auf dem Meer damit erfolgreich bewältigt werden können. Ehrlich, wenn ich Euren Bericht lese, bange ich immer mit ob wohl alles gut geht.

    So ist das eben als Laie: keine Ahnung, nur Unsicherheit.

    Dabei weiß ich doch, dass Ihr immer wieder heil zu Hause ankommt. Schließlich werdet Ihr ja hier auch noch gebraucht.

    Und für unterwegs hab ich mal ’ne Frage an dich, Lieber Thomas: Wir möchten die Lehrer in KK in diesem Jahr wieder unterstützen und brauchen dafür noch 500,-€ aus Deiner Kasse. Da sich die Bankensituation noch immer nicht gebessert hat, würde ich das Geld wieder privat verschicken – sozusagen von Mann zu Mann: 500€+25,00€ Gebühr. Ich könnte es vorstrecken. Und Du würdest es mir Später aufs Konto überweisen? Diese Art des Geldtransfairs hatten wir schonmal erfolgreich gemacht. Was denkst Du darüber?

    Ich wünsch Euch noch gaaaanz schöne Tage mit Eurer betagten und fitten „Tante“ Anke Sophie. Eure Hilli-Billi

    __________________________ Hiltrun Hütsch-Seide Stierstr. 2 D-12159 Berlin Tel.: 0049 30 8513195

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