Castlebay – Oban / Schottland

Till und Sophia sind schweren Herzens nach zwei guten Wochen von Bord gegangen; wir kamen trotz mehrerer Starkwindsituationen gut voran und konnten den Rückstand von Galway wieder aufholen. Stefan und Fernando, der sich kurzentschlossen entschieden hatte, kommen zur letzten Etappe an Bord nach Barra, wir haben einen schönen ersten Abend im gleichen Restaurant und am nächsten Morgen geht es los. Wir haben ein wunderschönes Sommerwetter, ein kräftiges Hoch bildet sich über Großbritannien und blockiert die nachziehenden Tiefs. Der Nebeneffekt bedeutet aber eine Schwachwindperiode von mindestens drei Tagen, in denen Segeln fast unmöglich ist. Nach dem Ablegen in Castlebay können wir mit einer schönen Seebrise aus der Bucht kreuzen, müssen dann aber auf offener See den Motor starten und werden von aufziehendem Seenebel verschluckt. Gespenstig und schemenhaft tauchen Inseln daraus hervor.

Ziel ist ein Tipp von einem Einheimischen: Mingulay, die zweitsüdliche Insel der Äußeren-Hebriden Kette. Die Geschichte der Insel passt zu der von der Insel St. Kilda, die weit außen im Atlantik liegt. Das kleine Dorf an der Mingulay Bay auf der Ostseite wurde 1912 aufgegeben, da sich die Bewirtschaftung nicht mehr rentierte. Wir besichtigen das ehemalige Schulgebäude, das 1881 für 494 Pfund erbaut worden war und in dem bis 1910 bis zu 48 Schüler unterrichtet wurden. In dem Buch „The Scottish Islands“ von Haswell-Smith lesen wir, dass der Sammler Macphee hier anlandete und seiner Crew im Ruderboot zurief, dass alle Einwohner an der Pest gestorben seien. Daraufhin flüchteten die Ruderer ohne ihn und ließen ihn auf der Insel in seinem Schicksal zurück. Er musste ein Jahr auf der Insel ausharren und hatte lediglich die Pestleichen um sich, bis er gerettet wurde, heute ist ein Berg nach ihm auf der Insel benannt.

Auf unserem Landgang treffen wir eine Gruppe Kajak-Fahrer, die hier in der Einsamkeit auf der Insel zelten. Bei bestem Wetter erkunden wir die Ruinen des aufgegebenen Dorfes und steigen weglos und mühsam über die nassen Wiesenhänge hinauf auf die Hügel zur Westseite der Insel. Und dann oben angelangt öffnet sich für uns ein fantastischer Blick über die 200 – 300 m hohen schroffen Klippen hinab auf die See.

Am nächsten Morgen motoren wir, da nach wie vor kein Wind weht, durch den Sound of Berneray, der südlichsten Insel der Äußeren Hebriden. Mystisch liegt weit über uns der Leuchtturm. Die Klippen sind spektakulär und wir sehen nun die Klippen von gestern in der umgekehrten Perspektive. Dann verschwinden die Klippen im dichten Seenebel, der vom kalten Atlantik herüber quillt. Wir motoren durch den Nebel und sehen die weiteren Klippen nur ab und zu in einer Lücke. Wir legen uns in die Vatersay Bay direkt vor den ½ km langen Sandstrand und haben einen wunderschönen Sommerabend.

Tags darauf das gleiche Spiel: Wir motoren bei Windstille und flacher See nun die Ostküste von Barra entlang nach Norden bis zur Hirivagh Bay bei dem Fischerort Ardveenish. Wir wollen von dort entlang der Hulavagh Bay bis zu der riesigen Sandbucht Traigh Mhor wandern, die als Landeplatz für den lokalen Flugplatz dient. Der Flugplan ist auf die Tide abgestimmt, genau zu Niedrigwasser landet eine Turboprop aus Glasgow auf dem trockengefallenen Strand. Es ist der einzige Flugplatz auf einem Strand in Europa. Da unsere Ankerbucht für eventuell drehende Winde über Nacht zu schmal ist, verlegen wir uns am Abend hinaus zwischen die Inseln und kochen uns wieder ein fürstliches Mahl.

Wie vorhergesagt haben wir am Mittwoch einen guten Nordostwind und können diesen für die Überfahrt zu den Inneren Hebriden nutzen. Wir entscheiden uns gegen das südlich gelegene Tiree, da wir keine Höhe für den kommenden Tag verlieren wollen, und ankern in der kleinen Bucht Sorosdale an der Nordostspitze von Coll. Die Bucht ist recht eng, aber hinter einer kleinen vorgelagerten Insel finden wir etwas Schutz. Wir unternehmen eine kurze Wanderung und genießen weiter das gute Wetter.

In der Nacht kommt unerwartet aus Südosten für zwei Stunden ein sehr unangenehmer Schwell in die Bucht, der uns ordentlich durchschaukelt, sodass niemand währenddessen schlafen kann. Dann ist der Spuk vorbei und die Nacht ist wieder ruhig, bis wir am Morgen den Anker für die weitere Etappe in den Sound of Mull heben. Dort finden wir einen Platz in der Marina von Tobermory. Wir hatten schon Bilder von diesem pittoresken Ort gesehen, aber bei diesem Sommerwetter erstrahlt er in voller Farbenpracht.

Am nächsten Morgen wollen wir für die letzte Etappe nach Oban ablegen. Ich lege den Rückwärtsgang ein und wundere mich, dass wir beim Ablegen abtreiben, vorwärts bewegt sich das Schiff überhaupt nicht, nur die Zahnräder geben Geräusche von sich, als ob sie nicht greifen können. Zum Glück ist kein Wind und wir treiben auf den gegenüberliegenden Steg zu und können uns dort festmachen. Ich löse den Bautenzug vom Getriebe und versuche es per Hand, aber kein Gang lässt sich einlegen, nur Schleifgeräusche. Die Suche nach einem Mechaniker scheitert, woraufhin wir die verbliebenen Segler im Hafen ansprechen, ob sie uns bis Oban schleppen können. Nur wenige fahren in unsere Richtung und die anderen finden Gründe, uns nicht abzuschleppen, z.B. dass sie das Boot gechartert hätten und ihnen dies nicht erlaubt sei. Zuletzt fragen wir die Leute auf einem sehr alten kleinen Boot, die uns sofort anbieten, uns abzuschleppen. Alexey und Valerie mit Sohn Artur ändern sogar ihre Pläne und verzichten auf einen Zwischenstopp in einer Ankerbucht, um uns noch am gleichen Tag bis in die Kerrera Marina bei Oban zu schleppen. Es ist eine sehr nette russische Familie, die in London lebt und hier ihre Ferien verbringt. Nun macht sich das Gespann auf den Weg. Unsere ANKE-SOPHIE mit defektem Getriebe, also ohne Antrieb, und die TIDEWATCH mit einem extrem qualmenden Motor. Wir sind uns nicht sicher, ob es uns gelingen wird, die 21 Seemeilen bis nach Oban zu überwinden, denn am Abend wird uns auch noch die Strömung am Ende des Sound of Mull mit 2 Knoten entgegenstehen. Doch der alte Motor unserer Helfer, ein stabiler Traktorenmotor, schleppt uns tatsächlich mit guter Geschwindigkeit von fast 5 Knoten bis zu den Engstellen. Beim Lady’s Rock im Firth of Lorn werden wir durch die Strudel gezogen und ordentlich geschaukelt und abgebremst, aber zeitweise können wir mit der Genua den aufkommenden Wind einfangen und können somit unterstützen. Wir sind sehr froh, in der Marina auf Kerrera vor Oban anzukommen, und spendieren eine Runde Bier. Ich wollte unsere Helfer ins Restaurant einladen, aber das ist leider geschlossen. Nun werden wir auch noch zwei Mal von Alexey zum Essen eingeladen. Verkehrte Welt. Wir wollen uns bedanken und werden stattdessen eingeladen. Wir tragen mit unseren letzten Weinbeständen dazu bei. Artur geht auf eine deutsch-englische Schule und darf die Beschriftung des aus Deutschland mitgebrachten Weinkanisters übersetzen. „Erste Hilfe für leere Gläser“, alle lachen herzlich, es sind zwei nette Abende, die wir gemeinsam verbringen.

Am Samstag hat Fernando seinen Rückflug nach Berlin gebucht. Als wir morgens aufwachen, nimmt starker Nebel jede Sicht. Die Fähre kann nicht fahren. Um Fernando doch noch zum Zug zu bringen, entschließen wir uns zu dritt mit dem Dinghi überzusetzen. Dem Außenborder kann ich schon lange nicht mehr trauen und tatsächlich, als wir die Hälfte der knappen Seemeile nach Oban durch den dicken Nebel mit Hilfe des Tablets gefunden haben, gibt der Motor endgültig auf, nächstes Jahr wird ein neuer fällig. Wir müssen rudern und Fernando sieht seinen Zug nur noch von hinten. Zum Glück findet er noch eine Busverbindung. Stefan hilft mir, die Segel abzuschlagen, und wir machen ANKE-SOPHIE soweit wie möglich winterfest. Wir lernen Tim, den neuen Betreiber der Marina, kennen und organisieren alles Weitere. Leider kann mein Schiff nicht wie geplant mit dem Lift an Land gebracht werden, da das Hochwasser niedriger ausfällt als berechnet, das liegt wohl auch am hohen Luftdruck. Aber Tim gelingt es gleich am Sonntag, einen Termin mit dem Mechaniker zu vereinbaren, um das Getriebe zu untersuchen. Wie befürchtet ist es ein tieferliegender Schaden, der nicht sofort behoben werden kann. Das Getriebe wird über Winter ausgebaut werden müssen. Immer wieder streifen mich Gedanken zu Situationen während der Weltumsegelung, wo wir in extrem abgelegenen Regionen keine Hilfe hätten erwarten können. So ist es Glück im Unglück, dass es hier, einen Tag vor dem diesjährigen Ende der Reise, passierte.

Die Reise hat uns 2021 in 10 Wochen von Stralsund entlang der Küste von Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Irland in die Inselwelt Schottlands an 48 Ziele gebracht. Wir haben dabei 2.091 Seemeilen zurückgelegt. Wir haben sehr gutes Wetter, aber auch weniger gutes gehabt, den einen oder anderen Starkwind abgewettert und einige Flauten überwunden. Es waren schöne Etappen mit guten Freunden und vielen guten Erinnerungen, aber auch mit Auswirkungen der Covid-Pandemie sowie mit technischen Problemen am Schiff, die zu lösen waren und noch sind. ANKE-SOPHIE wird auf Kerrera bei Oban überwintern und nächstes Jahr soll es weiter Richtung Norden über die Orkney Islands und vielleicht über die Shetland Islands nach Norwegen gehen.

Die Route Stralsund bis Oban 2021
Werbung

Eine Antwort zu “Castlebay – Oban / Schottland

  1. Lieber Thomas, wieder ein toller Bericht, wieder sehr schöne Bilder! Ich wusste gar nicht, dass Anke Sophie in Schottland überwintern soll. Dann wünsche ich Dir eine gute Rückreise und auf ein baldiges Wiedersehen in Berlin! Grüße auch von Hans-Heinrich, Annette

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s