Borkum – Deauville

Mitte Juni hatten wir ANKE-SOPHIE nach Borkum gebracht, eine gute Ausgangsposition für die weitere Reise, die eigentlich entlang der südenglischen Küste gehen sollte. Aber auch dieses Jahr hat Covid seinen Einfluss auf unsere Reise. Wegen der Delta-Variante könnten wir die Insel nur mit Quarantänemaßnahmen anlaufen, weshalb wir uns für einen Plan B entscheiden und stattdessen lieber der französischen, belgischen und französischen Küste folgen, um dann direkt nach Irland zu segeln. Annette und ich kommen mit Bahn und Fähre am Samstag, den 26.06., an und erkunden am ersten Tag mit dem Rad die Insel, wir erfreuen uns an Heckenrosen und Dünen. Am Abend sind wir zum Geburtstagsfest von Trixi eingeladen und verbringen einen wundervollen Abend in guter Gesellschaft mit fantastischem Blick auf die Seehundbank. Deshalb geht es auch erst am Montag los. Zuvor bunkern Annette und Göran ordentlich und Marlies kommt rechtzeitig zum Hochwasser an Bord, sodass wir mit ablaufendem Wasser auslaufen können. Marlies war 2013 in Südengland dabei, Göran war bereits mehrfach an Bord und wir teilen tolle gemeinsame Erlebnisse auf dem Törn von den Kanaren zu den Kapverden. Er erfüllt sich seinen Wunsch, von ANKE-SOPHIE auf seiner Insel abgeholt zu werden. Die Familie verabschiedet uns am Pier und schon runden wir die Fischerbalje, und die Ems schiebt uns auf die Nordsee.

Die Windbedingungen sind günstig, für zwei bis drei Tage ist Ostwind angesagt, den wir nutzen wollen, und segeln entlang der westfriesischen Inseln in die Nacht an Rottumeroog vorbei nach Schiermonnikoog und Ameland. Terschelling haben wir 23 Uhr querab und es folgen Vlieland und Texel. Erst nach 173 Seemeilen, nachdem wir Den Helder, Ijmuden (Amsterdam) und Scheveningen (Den Haag) passiert haben, steuern wir am Abend Stellendam südlich dem Hoek van Holland an. Wir schleusen ein ins Haringvliet und erreichen den Hafen.

Nachts pfeift der Wind um die Wanten und der Regen prasselt aufs Deck, wir sind froh, uns gegen eine weitere Nacht auf See entschieden zu haben. Am nächsten Tag schleusen wir wieder in die Nordsee und segeln unter Sprühregen und schweren Wolken bis Zeebrugge, wo ANKE-SOPHIE erstmalig einen belgischen Hafen ansteuert. Wir übernachten zwei Mal königlich im Royal Belgium Sailing Club und besuchen Brugge an unserem Pausentag. Auch wenn wir die Stadt bereits kennen, so bewundern wir die Architektur aufs Neue, auch belgische Schokolade und belgisches Bier werden getestet.

Für Freitag und die nächsten Tage sind leichte Winde aus West angekündigt und wir kreuzen entlang der belgischen Küste, wie passieren Blankenberge, Oostende sowie Nieuwpoort und erreichen, nach dem Logbucheintrag „nous sommes en France“ am Abend zufrieden den großen Hafen von Dunkerque und finden einen Platz im Yachtclub Mer du Nord. Nach einem Spaziergang durch die Stadt finden wir ein kleines nettes Restaurant, in dem wir sehr lecker essen, Frankreich zeigt sich uns seinem Ruf entsprechend mit bester Küche. Später lesen wir über die historischen Zusammenhänge, die mit dem Namen der Stadt verbunden sind, die Evakuierung der britischen Armee im Mai 1940, wo hier in Dunkerque über 300.000 Briten mit allen zur Verfügung stehenden großen und kleinsten Schiffen auf die andere Seite des Kanals gerettet wurden.  

Nun folgt für uns das spannende Stück, die Einfahrt in den Englischen Kanal bei Cap Gris-Nez, der schmalsten Stelle des Kanals, wo die Strömungen am stärksten sind. Leider kommt der Wind genau gegen an aus Südwest und wir müssen den ganzen Tag kreuzen und es sind wechselhafte Winde und Regen angesagt, zum Glück bleiben beide in Grenzen. Die Strömung soll ca. 11 Uhr nach WSW kippen und wir laufen 2 Stunden früher aus und nehmen die Gegenströmung in Kauf, da die Strömungen vor der Meerenge niedriger sind als im Kanal. Wir wollen vermeiden, am Ende des Tages gegen eine starke Strömung ankreuzen zu müssen und steuern den ganzen Tag sehr konzentriert. Die 44 Seemeilen klingen nicht viel, aber an der Kreuz ist es dann doch knapp. Die Strömung schiebt uns ordentlich am Kap vorbei und wir erreichen den 10 Meilen südlicher liegenden Hafen von Boulogne-sur-Mer am Abend. Gleich nach dem Anleger, wie gewohnt Gin Tonic, raffen wir uns auf, müde wie wir sind, die Stadt zu besichtigen. Annette und ich haben sie in schöner Erinnerung, als wir hier vor fünf Jahren einen Pausentag einlegten.

Am nächsten Morgen wirkt ein Nieselregen nicht gerade motivierend zum Leinen loswerfen, aber dann lockert der Himmel doch auf und wir legen ab, wir sind guten Mutes, unser nächstes Ziel zu erreichen, auch wenn wir gegen leichte Winde aus Süd ankreuzen müssen. Irgendwann schläft der Wind ganz ein und wir bemühen unseren Diesel und tuckern auf eine schwarze Wand zu, die einen das Fürchten lehren könnte. Der Wind frischt aus West auf und wir setzen die Segel, aber nicht lange, denn dann frischt er plötzlich bis auf 25 Knoten auf, dass wir die Genua gegen die Fock tauschen und das Groß zunächst ganz bergen und dann ein Reff einbinden. Wir rauschen auf eine Steilküste zu und sind fasziniert, so schön hatten wir uns diesen Landstrich nicht vorgestellt. Die Sonne kommt heraus und taucht die Alabasterküste in ein wunderschönes Licht. Wir rufen den Hafen von Tréport über UKW an, um sicher zu sein, dass sie uns noch in die Schleuse lassen, denn der Außenhafen fällt bei Ebbe vollständig trocken, was für ANKE-SOPHIE nicht gut wäre. Annette hat uns vor dem Einlaufen noch einen tollen Eintopf gekocht, der uns stärkt, bevor wir im letzten Licht die fantastisch erleuchtete Stadt erkunden.

Der einmütige Kommentar: „Hier müsste man mal Urlaub machen.“ Aber wir sind ja auf Segelpassage, haben keine Zeit und ein Starkwind droht am Dienstag sowieso mit einem Pausentag, deshalb geht es am Morgen gleich wieder hinaus auf die Nordsee. Wir segeln endlich mal mit halbem Wind entlang der Alabasterküste, als Ziel sind Saint-Valery-En-Caux oder Fécamp in Bezug auf Schleusen und Tide recherchiert, aber nach einige Stunden kommt alles anders, denn der Wind schläft unerwartet ein und auch die neuen Windprognosen sind traurig, kein Wind ist für Stunden mehr in Aussicht, außer ab Mitternacht, da soll es mit bis zu 45 Knoten aus Südwesten wehen. Wir hatten das Tiefdruckgebiet und den Starkwind schon seit einigen Tagen in den Wettervorhersagen verfolgt, 9 Bft. Windstärken wollen wir nicht auf See erleben, deshalb laufen wir den Hafen von Dieppe an, das älteste Seebad Frankreichs. Wieder eine tolle Stadt, wir sind begeistert beim Einlaufen, hier können wir das schlechte Wetter gut abwettern in Cafés und Restaurants. Wir schwärmen in unterschiedliche Richtungen aus, Annette und mich zieht es als erstes auf die Steilküste, auf der eine Kapelle steht, von wo aus wir dem Küstenverlauf ein wenig folgen. Leider stört uns der Nieselregen doch, ich bin halt wasserscheu. Ein weiterer Gang führt uns an die Strandpromenade. Wir verlieben uns in die Orte der Normandie, die Architektur, die leicht morbide Bausubstanz. Zum Glück sind viele Bereiche von der trostlosen Baukunst der 70er Jahre verschont geblieben.

Der Starkwind hatte sich dann in der zweiten Nacht in Dieppe gelegt und als wir morgens aufbrechen, haben wir eine Brise von 3 Bft. Leider weht sie -wie schon im Wetterbericht zuvor ersichtlich- gegen an. Wir machen uns also mal wieder an eine lange Kreuz, vorbei an Saint-Valery-En-Caux und Fécamp. Zunächst frischt der Wind auf 4-5 Bft auf, was mit Segelwechsel verbunden ist, und er schläft zu unserem Ärger später schnell ganz ein. Wir müssen unter Maschine weiter fahren bis Le Havre, denn die Alternative würde bedeuten, vor Fécamp vier Stunden bei alter Welle auf die Flut zu warten, denn bei Ebbe gibt es nicht genügend Wassertiefe, die uns ein Einlaufen erlauben würde. Es wurde wieder ein langer Segeltag von 9:15 bis 22:45. Wir übernachten in Le Havre, entscheiden uns aber am Morgen noch schnell bis zur Flut auf die andere Seite der Seinemündung zu wechseln, um Deauville zu besuchen. Es wird eine spannende Einfahrt, denn obwohl die Tide gewaltig ist, bin ich nicht sicher, ob wir zwei Stunden nach Hochwasser noch genügend Wassertiefe für unseren Tiefgang von 2,3 m haben werden. Die drei Telefonate mit Hafenmeister und Marina vermittelten auch nur begrenzt Sicherheit, denn die Kommunikation war nur auf Französisch möglich, und meines ist schlecht. Aber auf Englisch funktionierte es wie oft in Frankreich überhaupt nicht. Am Nachmittag sehen wir uns die Hafeneinfahrt bei Ebbe an, gewaltig, den Unterschied der Gezeiten so vergleichen zu können. Deauville und Trouville-Sur-Mer sind Nachbarorte beidseits des Flusses La Touques. Bei Flut sind sie mit einer Fähre verbunden und bei jeder Ebbe wird eine Fußgängerbrücke montiert.

Wir genießen einen Nachmittag Müßiggang und begrüßen unseren Freund Harald an Bord, für zwei Tage sind wir nun zu fünft, bis Göran leider wieder nach Hause muss.

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3 Antworten zu “Borkum – Deauville

  1. Liebe Kanal-Segler es hält mich ja nur noch schwer auf meinem Bürosessel ich bin begeistert! Genau, trotzt dem Wetter und nutzt die Strömungen aus, das hast Du schön beschrieben, Thomas. Die Sehnsucht die Normandie zu besuchen habt Ihr bei mir auf alle Fälle wieder losgetreten, es erinnert ein wenig daran wie Berlin noch etwas gemütlicher war bevor der Bau-Renovierungs-Großkotz-Wahnsinn hier losgetreten wurde. Ich freue mich für Euch, dass Ihr solch erfüllte Tage habt und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel behaltet, seid mal schön vorsichtig mit den Strömungen. Glück auf für die Kanalüberquerung nach Irland wünsche ich. Alles Gute und bis bald in Irland, thomas mctom

  2. Lieber McTom,
    vielen Dank für deinen Kommentar, ich kann nur bestätigen, die Normandie ist eine Reise wert und ich bin sicher, dass ich auch mal auf dem Landweg hier vorbeischauen werde für z.B. lange Wanderungen entlang der Klippen…
    Liebe Grüße von Bord, seit gestern ist Harald an Bord…
    Thomas + Annette

  3. Hallo Thomas,
    toller Reisebericht und sehr schöne Fotos! Gerne wäre man dabei…
    Normandie sieht wirklich toll aus. Wie ich in Marine Traffic gesehen habe, habt Ihr also England komplett „umschifft“.
    Freue mich schon auf den nächsten Bericht.
    Liebe Grüße an Dich und an Annette aus dem heißen Madrid (38°)

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