Sommer 2020 nach Dänemark

Eigentlich waren drei Monate Segeln nach England, Irland und Schweden geplant. Ein Teil der Handbücher lag über Ebay gekauft schon bereit, als das Corona-Virus uns alle erreichte und die Reise dieses Jahr nicht mehr möglich ist.

Ich kenne die Quarantäne-Beschränkungen in den einzelnen Ländern für Segler ganz gut, denn ich unterstütze diesen Sommer mit dem Trans-Ocean e.V. mehrere Yachten bei ihrer Atlantiküberquerung, denn die Yachten waren durch den Lockdown in der Karibik gefangen, alle Häfen weltweit waren geschlossen. Annette und ich hatten die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Menschen überall im Pazifik und im Indischen Ozean kennengelernt, jetzt schotten sich alle ab und vertreiben Fremde aus tiefsteckender Angst vor Ansteckung, dabei kann ein Fahrtensegler, der mehr als 14 Tage unterwegs ist, ja gar keinen Corona-Virus mehr übertragen. Einfach in der Karibik zu bleiben, funktioniert für die meisten auch nicht, denn Anfang Juni beginnt die Hurrikansaison. So hat sich beim TO das „Rolling Home Team 2020“ gefunden, mit dem wir den Seglern über den Atlantik helfen wollen. Abends und morgens schreibe ich Emails und stehe mit „meinen“ Schiffen NOMAD, TANOA und MONTANA in Verbindung.

Der zweite Plan war, statt nach UK nach Gotland zu segeln. Unsere Freunde möchten wegen der möglichen Ansteckungsgefahr dann nicht nach Gotland, weil es ein Hotspot sei. Das hat uns dann schon gewurmt, denn es war für zwei Tage ein frischer West mit 5-6 Bft. angesagt, der uns schön Richtung Gotland geweht hätte. Stattdessen ist schnell ein dritter Plan parat und lässt uns nach Dänemark rund Sjælland segeln. Die erste Nacht verbringen wir auf unserem Hiddensee, wo wir durch frühes Aufstehen und Ablegen vor der Brückenöffnung in Stralsund noch den letzten Platz in Kloster bekommen und genügend Zeit für eine Wanderung um den Dornbusch herum bleibt. Die Überfahrt Richtung Sund nach Dragør wird dann doch sehr ungemütlich, denn der Westwind weht eher aus WNW und wir müssen uns gegen eine fiese Welle kämpfen. Plötzlich werden wir mitten auf der Ostsee von einem Guard-Boot aufgebracht, das uns erklärt, wir könnten hier nicht weitersegeln, wir waren in ein Baugebiet eines neuen Windparks gesegelt, wir hatten die gelben Tonnen missachtet. Das Boot eskortiert uns nach kurzem Austausch über UKW durch eine Gasse zwischen zwei ausgedehnten Windkraftfeldern. Obwohl ich die gleiche Software von Navionics auf zwei Tablets geladen habe, zeigt eines die Sperrgebiete an, das andere aber eben nicht.

Bei Skanör hat keiner mehr Lust weiterzusegeln und wir verbringen dort einen netten Abend, sind also in Schweden, ohne es gewollt zu haben, aber dies ist ja auch kein Problem, wir können ja auf unserem Boot gut Abstand halten. Letztes Jahr schon freuten wir uns an dem schönen Hafen, als wir auf dem Weg nach Göteborg waren, immer wieder nett hier. Weiter zieht es uns nach Helsingør, dieses Mal ein Anlieger bei ruhiger See, da wir geschützt in Lee von Sjælland fahren. In Helsingør spazieren wir um das Schloss Kronberg, wo Shakespeare Hamlet spielen ließ.

Am dritten Tag sind wir schon an der Nordküste, also im Kattegat, das Wetter zeigt sich nicht sehr freundlich, ich kann meine neue Jacke von Musto testen und dann kommt auch noch ein 180°-Winddreher, nachdem uns der Wind auf die Nase weht und wir kreuzen müssen bis Hundested, wo wir längsseits festmachen. In Kloster hat uns wohl ein anderes Schiff am Bugkorb gerammt und dabei total verbogen. Das muss kräftig geknallt haben und der Mistkerl fährt einfach weiter, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, das ist Fahrerflucht! Wir wollen mit einem Flaschenzug den Bugkorb richten, das klappt auch ganz gut, aber beim letzten Versuch bricht der Relingsfuß nach dem Motto „nach fest kommt ab“, das wird eine Reparatur für den Winter, so ein Ärgernis!

Den vierten Tag kreuzen wir wieder gegen einen leichten Westwind zum Sjællands Rev, einer Lücke im Riff an der Nordwestecke. Dann schwächelt der Wind und kommt leider wieder gegenan, sodass wir Samsø nicht erreichen können und stattdessen den gemütlichen Hafen Sejeroe ansteuern. Direkt beim Festmachen fängt es an zu regnen, was für ein Timing. Ein Kleiner Spaziergang mit Annette bringt uns zur alten Dorfkirche mit typischem stufigem Giebel, wir freuen uns immer an Küstenkirchen, in denen Segelschiffe vom Gewölbe hängen.

Am Morgen diskutieren wir nach dem Ablegen ein wenig, ob der Rückweg uns durch den kleinen oder großen Belt führt, ich plädiere für den kleinen, denn durch den großen sind wir letztes Jahr gesegelt. Der Wind flaut so stark ab, dass wir den Nachmittag lieber auf Samsø für eine Wanderung nutzen wollen. Samsø hatte mir letztes Jahr schon so gefallen, dass ich mir vornahm, hier einmal mehr Zeit zu verbringen, nun reicht es wenigstens für eine Wanderung von unserem kleinen Hafen Kolby Kås zum Leuchtturm Vesborg am Südwestkap von Samsø bei bestem Wetter. Zurück an Bord löschen wir den Durst mit kühlem Bier und freuen uns auf das Abendessen, das uns Annette kocht.

Am Freitagmorgen prüfe ich noch vor dem Frühstück die Position von NOMAD, meinem letzten Schiff auf See, und richtig, sie sind aus den USA nonstop über den Atlantik gesegelt und um 2 Uhr morgens in Cuxhaven angekommen. Ich schreibe mein langes Farewell-Email, es war mir eine Freude, die Yachten auf ihrem Weg nach Europa zu begleiten.

Bei uns endlich Sommer: Wir verlassen Samsø bei Sonne, aber kaum Wind und segeln Richtung West zum kleinen Belt. Nach einer Kreuz bei leichten Winden kämpfen wir gegen einen Strom von 2-3 kn und in einer Kehre sogar über 4 kn. Der Wind wehte mehrere Tage aus West und drehte nun auf Süd. Wir erreichen den Ferienort Strib direkt nördlich der Brücke über den kleinen Belt, die Fyn mit dem dänischen Festland verbindet.

Es scheint das Prinzip dieses Törns von Beginn darin zu bestehen, dass wir hoch am Wind wenn nicht gegen den Wind kreuzen. Unser Weg führt uns nach Süden, also kommt der Wind aus Süd. Wir kreuzen entlang des sich mäandernden kleinen Belts durch eine wunderschöne Landschaft. Verwunschene Inseln ziehen an uns vorbei, wir gewinnen mit zwei dänischen Yachten eine kleine Privatregatta, passieren die kleine Insel Aarø und kommen in freies Wasser. Wir wollen durch den Als Sund nach Süden nach Sønderborg. Die halbe Strecke können wir sogar die Schoten öffnen, bis natürlich der Wind -wie soll es anders sein, genau entgegenkommt. Wir lassen uns nicht ärgern und ändern kurzerhand das Ziel und steuern auf der anderen Seite des Belts die winzige Insel Lyø an, wo der Hafen überfüllt ist, wir aber einen ruhigen Ankerplatz in der von allen Seiten geschützten Bucht finden, so wie ca. hundert andere Yachten. Dies scheint ein allgemeiner Treffpunkt zu sein. Nachts überall Ankerlichter, die wie Glühwürmchen durch den Himmel zucken. Das erinnert uns schon sehr an unsere Weltumsegelung, auch wenn wir in der dänischen Südsee vor Anker liegen.

Heute soll es nur ein kleineres Stück bis Marstal gehen, dazu wollen wir um die Insel Ærø nach Südost segeln und nun frage ich, woher kommt der Wind? Klar, aus Südost…Wir mussten diesen Hafen einmal besuchen, kennen wir ihn doch aus dem Roman von Carsten Jensen „Wir Ertrunkenen“, in dem er das harte Leben der Stadt Marstal von 1848 bis 1945 mit dem Seemann Laurids Madsen beschreibt. Wir lustwandeln durch die kleinen Gassen mit Stockrosen in allen Farben vor den alten Fischerhäuschen. Wir füllen unsere Lebensmittelbestände auf und ich brate uns Rindsteaks mit Ratatouille und Couscous.

Am nächsten Morgen segeln wir die ersten Seemeilen des Törns mal nicht gegen den Wind, sondern vor dem Wind und setzen endlich Spi, den wir aber an der Südspitze von Langeland bergen, denn der Westwind frischt auf. Wir passieren riesige Windkraftfelder entlang der Südküste von Lolland und der Wind pfeift ordentlich, als wir den Hafen von Gedser ansteuern. Das Anlegen quer zum Wind wird in dem ausgesetzten Hafen sportlich und wir sind uns einig, bei noch mehr Wind wäre es dort nicht mehr spaßig.

Wir sind froh, dass der Wind auf unserem Weg nach Bornholm auch die nächsten Tage aus westlichen Richtungen weht und wir flott und angenehm vorankommen. Wir legen Zwischenstation in meinem Lieblingshafen Darßer Ort ein, er wurde als Nothafen im Frühjahr wieder einmal freigebaggert und gibt uns für eine Nacht eine ruhige Bleibe. Nach der obligatorischen Wanderung zum Leuchtturm liegt der österreichische Traditionssegler AGLAIA mit Heimathafen Wien längsseits der ANKE-SOPHIE. Wir werden zu Sekt und Sacher-Torte eingeladen, denn Herbert feiert seinen Geburtstag. Es ist eine Colin-Archer, der Nachbau eines norwegischen Rettungsbootes aus der Zeit der Walfänger mit Gaffeltakelung, die von dem Verein betrieben in Lübeck liegt.

Weiter nach Osten mit Westwind. Lohme zieht uns an als günstiger Hafen für die kurze Überfahrt von 48 sm nach Rønne auf Bornholm. Bei stärkerem Westwind ist Lohme wie immer besser als jedes Kino. Man sitzt im eigenen Boot und wundert sich, wie Seemannschaft immer mehr zum Fremdwort wird, wenn man die verunglückten Anlegemanöver beobachtet. Dies ist nicht hochnäsig gemeint, denn jeder lernt aus seinen Fehlern und ich mache immer wieder welche trotz zehntausender Seemeilen auf dem Buckel, aber hier ist das Spektakel schon enorm, denn die Ankommenden können nur quer zum Wind zwischen den Dalben anlegen. Wir trinken einen Kaffee im Café Niedlich und bekommen keinen Platz zum Fischessen im „Daheim“, sodass wir leider ins Panorama-Hotel ausweichen müssen. Hier hatten Annette und ich unser Abendessen an unserem Hochzeitstag 2002. Ich schreibe leider, da dies Restaurant im Service immer schlechter wird, sehr schade, denn wir denken gerne an unseren Tag zurück!

Am nächsten Morgen weht wieder frischer Wind aus NNW, der uns in sieben Stunden nach Bornhom weht. Wir können nicht direkten Kurs anliegen, da wir wieder einem Windpark ausweichen müssen. Wir nehmen den kleinen Umweg gerne in Kauf, denn es ist ja regenerative Energie, die hier erzeugt wird. Das Anliegen bei frischem Wind ist auch in Rønne nicht einfach, aber wir finden einen guten Platz und bleiben vier Nächte. Wir leihen Räder und radeln nach Hasle oder unternehmen ausgedehnte Spaziergänge durch die alten Gassen von Rønne, bereiten einen Bornholmer Fischabend, verabschieden Dorothé und Thomas, genießen zwei Tage alleine und freuen uns auf Harald, der für ein paar Tage mit uns segeln möchte. Im Hafen treffen wir Hans und Carola, die mit ihrem schönen Schiff BOGGES BOGGES unterwegs sind. Er hatte mir als Amateurfunker 2013 geholfen, meine Kurzwellenanlage einzurichten. Ein tolles Wiedersehen nach 7 Jahren.

Montagmorgen nach einem guten Frühstück mit lækre Morgenboller legen wir drei, Annette, Harald und ich, zu unserer Bornholmumrundung gegen den Uhrzeigersinn ab und segeln zunächst bei sehr schwachem Südwind die Südküste von Bornholm entlang, teilweise nur mit 1,5 kn. Wir haben Geduld und nach und nach kommt etwas mehr Wind und wir ziehen die Küste entlang bis zum SE-Kap, wo wir dann Spi setzen und die gesamte Ostküste nach Norden segeln. Hans hatte uns einen kleinen Hafen, Lised, kurz nach dem Ostkap bei Svaneke empfohlen. Ein traumhafter kleiner alter Fischerhafen mit 4 kleinen Hafenbecken. Die Einfahrt ist nur 5 m breit, alles ganz eng, aber für uns tief genug. Wir machen längsseits fest und wandern entlang der Schärenküste bis Svaneke. Ein wunderbarer stimmiger Segeltag, der wieder mit einem Sundowner und einem guten Abendessen abschließt. Bei frischem Südwind segeln wir bis zum Nordkap von Bornholm und erreichen nach einem kurzen Schlag Hammerhavn an der Westküste, ein Ziel, das wir immer wieder gerne ansteuern, um der Burg Hammershus einen Besuch zu erstatten. Abends fühlen wir uns als Helden, denn wir baden am 28.07. in der Ostsee. Was man sonst als normal bezeichnen könnte, ist dieses Jahr eine kalte Herausforderung. Der Tag schließt mit einem guten Essen auf der Hafenmole ab, wir wollen am nächsten Morgen früh um 6 Uhr aufstehen, um vor den angesagten starken Böen Rønne zu erreichen. Es waren für den nächsten Tag ansteigende Windgeschwindigkeiten bis in Böen 37 kn am Abend angesagt. Das sind 8 Bft., da wollen wir nicht reinkommen. Die Nacht wird aber sehr unruhig, da die sich aufbauende Dünung durch die Hafeneinfahrt läuft und ANKE-SOPHIE so an den Festmachern reißt, dass wir uns entschließen, nach einem kurzen Frühstück um 5 Uhr im ersten Licht abzulegen. Draußen begrüßen uns für die Ostsee gewaltige Wellen. Der Wind kommt aus WSW mit 6 Bft. und wir können Rønne gerade so anliegen. Um 07:30 liegen wir nach einer bewegten kurzen Fahrt und einem etwas schwierigen Anlegemanöver am letzten freien Platz im sicheren Hafen längsseits am Steg und freuen uns nach einem zweiten Frühstück im Café, uns noch einmal in die Kojen zu legen und dem nun gewaltig pfeifenden Wind und den prasselnden Schauern zuzuhören. Nach der geglückten Bornholm-Umrundung zu dritt bringen wir Harald auf die Fähre, genießen noch einen freien Tag in Rønne, denn der Wind zeigt sich wieder von seiner starken Seite, was für ein Sommer. Am Freitag prüfen wir die verschiedenen Wettermodelle, es bleibt die Wahl zwischen einer Überfahrt nach Rügen hoch am Wind bei 5 Bft. und der alten Welle oder noch einem Tag auf Bornholm und dann am Samstag eventuell einen halben Tag bei Flaute zu motoren. Wir entscheiden uns ausnahmsweise für den bequemeren Weg und hoffen auf den am Nachmittag angesagten Ostwind. Wir genießen den zusätzlichen freien Tag mit einer Wanderung entlang der Nordostküste von Tejn über Allinge und Sandvik zum Leuchtturm Odde am Nordkap. Der Rückweg nach Stralsund klappt viel besser als gedacht, schon nach zwei flauen Stunden setzt sich eine leichte Brise durch, die im Verlauf des Tages immer stärker wird. So erreichen wir um 21:30 Uhr die Ankerreede von Barhöft, eine halbe Stunde vor einem Gewitter, was für ein Timing.

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