Von den Azoren nach Frankreich

Paul kommt Sonntagabend an, wir gehen in der Altstadt von Ponta Delgada in einem kleinen Restaurant essen, morgens stehen wir früh auf, um den frischen Proviant auf dem Markt zu kaufen und dann geht es direkt los. Es sind moderate Winde aus Westen angesagt, aber als wir ablegen herrscht Flaute und wir haben Nebel. So muss uns zeitweise die Maschine unterstützen, bis wir nach fünf Stunden frei von der Abdeckung durch Sao Miguel sind. Wir hatten natürlich das Wetter ausgiebig beobachtet und wissen, dass sich nun nach langer Zeit ein Azorenhoch bildet. Ein kräftiges Hoch liegt zunächst südlich der Azoren und wandert im Uhrzeigersinn um die Azoren herum.

Grib-file für 13.06.16

Grib-file für 13.06.16

Grib-file 15.06.16

Grib-file 15.06.16

Wir sind uns daher bewusst, dass der Wind in den nächsten Tagen auf Nord drehen wird und wir sehr hoch am Wind segeln müssen. Eigentlich hatten wir ja diesen Kurs für Wochen auf unserem Weg vom Äquator bis zu den Azoren und wir stellten uns den üblichen Westwind für unsere Überfahrt nach Frankreich vor. Weit gefehlt, denn wir müssen nicht nur die nächsten drei Tage hart am Wind fahren, sondern wir müssen möglichst viel Raum nach Norden gewinnen, um später nicht direkt in den Hochdruckrücken zu gelangen, der sich von den Azoren bis nach Frankreich entwickelt. Der Wind nimmt am zweiten Tag auf N 6 zu, wir wechseln von der Genua auf die Fock und binden nach und nach Reff 1, 2 und 3 ins Groß. Es wird ungemütlich, denn wir bekommen die dazugehörige sehr raue See, die im Wetterbericht prognostiziert war. Wir sind froh, nicht früher gestartet zu sein, denn die SY Nightfly bekommt weiter nördlich 8 Bft. zu spüren. Dann ab dem fünften Tag dreht der Wind wie erwartet langsam nach Westen und kommt für uns achterlicher. Wir rauschen unserem Ziel mit Wind von hinten entgegen, angesagt sind 20 Knoten, in Böen sind es dann tatsächlich 30.

Grib-file 16.06.16

Grib-file 16.06.16

Grib-file 19.06.16

Grib-file 19.06.16

Wir genießen das Segeln zu dritt. So haben wir nacheinander drei Stunden Wache und danach theoretisch den Luxus von sechs Stunden Freiwache, wenn uns kein Manöver aus den Federn holt. Paul liebt lange Passagen und freut sich sehr auf unsere letzte Etappe. Er wird sich in nächster Zeit ein gebrauchtes Schiff, wahrscheinlich ein Stahlschiff, kaufen und später einmal ebenfalls auf große Fahrt gehen. Endlich lassen wir die Fischleine raus, an den ersten Tagen war uns nicht danach zumute. Und wir haben nach relativ kurzer Zeit „Fischalarm“. So wie die Leine gespannt ist, scheint ein dicker Brocken am Haken zu hängen. Wir verlangsamen das Schiff und geübt holen wir die Leine dicht und landen erfolgreich einen stattlichen Thunfisch an Bord. Wir haben keine Waage, aber schätzen den Fisch auf über 10 kg. Paul, der gerne schlachtet , ist begeistert, nun seine Erfahrungen auch beim Zerlegen des Thunfisches zu sammeln. Die restlichen fünf Tage gibt es Fisch satt in vielen Variationen. Als Erstes zum Frühstück (!) Poisson Cru (über Nacht roh eingelegt in Kokosmilch, Zitronensaft, Zwiebeln, Salz und Pfeffer, erinnert an Matjes), mittags gedünstet auf Wirsing, am nächsten Tag gebraten auf gemischtem Gemüse, dann als Curry mit Reis, als Suppe und abschließend gewendet in Sesam.

Paul in seinem Element

Paul in seinem Element

mit blutigen Händen

mit blutigen Händen

beim Filetieren

beim Filetieren

Wie befürchtet schläft der Wind am achten Tag ein und wir müssen ab und zu den Motor nutzen. Plötzlich donnert am Dienstag um 03.00 Uhr morgens eine Propellermaschine wenige Meter über unser Schiff hinweg, dreht eine enge Kurve und kommt zurück. Ich schalte das UKW-Sprechfunkgerät an, das wir ausgeschaltet hatten, da wir Strom sparen mussten nach zwei Tagen Segeln bei leichten Winden in Nebel und Regen. Wir hören “Anke-Sophie, this is a French patrol aircraft”. Wir wechseln auf Kanal 11 und er sagt “You are sailing into a dangerous area. Change your course to north”. Ich frage erstaunt “Which kind of danger do we have in front of us?” Er antwortet “What is your maximum speed?”. Ich beantworte dies mit fünf Knoten und er sagt “Go with maximum speed Course 000”. Ich frage erneut “sorry, what kind of danger do we have in front of us?” Er meint “One moment please, I come back to you on CH 11”. Das ganze Manöver ist nicht einfach, es ist mitten in der Nacht, beide Vorsegel, Genua und Fock, sind ausgebaumt und das Deck ist rutschig und schwankt in den Wellen. Dann ruft er zurück“ Go direct north for 20 minutes” Ich frage wieder, schon leicht genervt: “What kind of danger do we have in front of us?” Schließlich antwortet er nach insgesamt fünffachem Fragen “A military operation, you have to go north for 3 hours, I will call you later on”. Ich bin außer mir und schreie impulsiv auf Deutsch über die Reling nach Steuerbord in die gesperrte Richtung hin “Ihr Idioten, das Meer ist frei und die See gehört uns allen!” Am Ende müssen wir vier Stunden lang einen Umweg von 17 Seemeilen quer zu unserem eigentlichen Kurs von70° fahren. Die Geschichte passiert uns auf der Position 47°12N 009°19W, was genau 200 Seemeilen von Frankreich entfernt liegt.

Ein großer Wal taucht ab

Ein großer Wal taucht ab

Schweinswale folgen uns

Schweinswale folgen uns

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Das Wetter reißt auf

Der Himmel reißt auf

Wir haben uns entschlossen, Camaret-sur-Mer anzulaufen, um nicht bis zum Ende des Kanals bis nach Brest hinein segeln zu müssen. Wieder wird es spannend. Der Landfall ist leider nachts und wir bekommen Nebel. Zudem nimmt der Schiffsverkehr stark zu. Vor dem Kanal nach Brest müssen wir zwei Fischern ausweichen, die in Kurven vor uns ihre Netze ziehen. Wir sind froh über die elektronischen Hilfsmittel wie AIS und Radar, ohne diese wären wir in einer schwierigen Lage. Wir laufen südlich des Kaps Pointe de St. Mathieu in den Kanal von Brest ein und ich sehe südlich von uns an Steuerbord ein größeres Radarecho ohne AIS-Signal und denke mir, wenn das nicht wieder französische Marine ist. Und tatsächlich meldet sie sich eine halbe Stunde später über UKW. „Sailing vessel on position xy“. Wir geben uns als Anke-Sophie zu erkennen. Er erklärt uns, dass er ein „French warship in convoy“ sei und bittet uns, nach Süden abzudrehen. Ich erkläre ihm, dass wir als Segler dann aber Schwierigkeiten hätten, wieder in den Kanal von Brest einzulaufen, wenn wir die Höhe verlören, denn der Wind wehe aus Nord. Das versteht er und bittet uns höflich, ob wir anluven könnten. Wir sind ja Kummer gewöhnt und machen Platz. Durch die Nebelschwaden erkennen wir einen Zerstörer und hinter ihm ein kleineres schwimmendes Objekt mit einem roten Licht am Mast, das sich dann als U-Boot herausstellt.

 

Wir kommen in den Nebel

Wir kommen in den Nebel

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Viel Schiffsverkehr bei Nebel

Viel Schiffsverkehr bei Nebel

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Französisches Kriegsschiff

Französisches Kriegsschiff

Was ist hinter der Welle?

Was ist hinter der Welle?

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Im Morgengrauen machen wir am Außenponton der Marina Port Vauban in Camaret-sur-Mer fest. Wir legen uns erschöpft für drei Stunden aufs Ohr, denn viel Schlaf gab es diese Nacht nicht. Paul war vor uns wach und hat eingekauft. Zum Frühstück gibt es frische Croissants, Baguette und französischen Käse und dazu eine Flasche Sekt, denn die erfolgreiche letzte große Passage unserer Reise muss begossen werden. Wir haben die 1.180 Seemeilen in 9 Tagen und 20 Stunden gesegelt. Das entspricht einem Durchschnitt von 5 Knoten, was nicht zu schlecht ist, wenn man bedenkt, dass wir die ersten Tage hoch am Wind segeln mussten und gegen Ende zwei Tage Flaute hatten bzw. langsam bei leichten Winden gesegelt sind. Wir sind am Festland Europas angekommen und haben die letzte Etappe der 7.050 Seemeilen langen Passage durch den Atlantik gut gemeistert.Route Atlantik 2a

Impressionen von Camaret-sur-Mer

Impressionen von Camaret-sur-Mer

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Impressionen von Camaret-sur-Mer

Von Camaret-sur-Mer wandern wir auf die Halbinsel Crozon zum Pointe De Pen-Hir. Endlich begleitet uns einmal die Sonne und lässt uns für ein paar Stunden die Kälte und den Nebel der letzten Tage vergessen. Wir freuen uns an den Blicken auf die Klippen und hinaus aufs Meer. Wir wandern bis zu einem großen „Monument aux Bretons de la France libre“. Durch die Vielzahl der Bunker wird uns die traurige Geschichte gegenwärtig. In der Atlantikschlacht wurden 5.125 Handelsschiffe versenkt und 45.000 Seeleute starben.

 

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Der Hafen von Camaret

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Der Hafen von Camaret

Auf der Halbinsel Crozon

Auf der Halbinsel Crozon

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Blick zum Pointe De Pen-Hir

Blick zum Pointe De Pen-Hir

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Paul: "...ist mir doch egal..."

Paul: „…ist mir doch egal…“

Drei Tage verbringen wir in dem netten Camaret-sur-Mer und dann zieht es uns weiter zu den Kanalinseln, wir wollen die gemäßigten westlichen Winde ausnutzen.

8 Antworten zu “Von den Azoren nach Frankreich

  1. Hey Thomas,
    verdammt das war knapp. Bin seit 3 Tagen in Camaret sur Mer, aber im Port du Notic. Schaaade. Morgen gehe ich nach Falmouth und dann die engl. Südküste weiter Ost. Wie sind eure weiteren Pläne?
    happy sailing

    Hans

    DF1SH

    • Lieber Hans, das ist ja schade, da haben wir uns wirklich knapp verpasst. Wir sind am Sonntag in Camaret-sur-Mer abgelegt, sind heute noch auf Guernsey, segeln morgen nach Sark und wollen ab Samstag ein paar Tage in Alderney bleiben. Wir treffen dann Freunde in Scheveningen (Den Haag) am 14/15.07. und segeln dann heim. Ankunft in Stralsund am 31.07, wo unser Verein ein kl. Fest um 16 h machen wird. Komme doch nach Alderney oder wir treffen uns in Scheveningen?

      Liebe Grüße Thomas und Annettewww.ankesophie.wordpress.com

      • Lieber Thomas,
        manchmal ist das Schicksal dagegen. Warum?? weiß man nicht. Ich habe Sonntagnachmittag in Camaret festgemacht. Nun bin ich in Falmouth und hangele mich die engl. Südküste langsam gen East, so wird ein Treffen leider nicht stattfinden.
        Vom 21.-24- Juli ist derLVAC- Zirkus in Portsmouth
        http://www.lvacwsportsmouth.com/
        habe tickets ergattert und ziehe mir das rein, das muß sein. Denke irgendwann Mitte/ Ende August in Lubmin anzukommen. Dann hoffe ich auf ein Treffen, lass uns in Kontakt bleiben.
        Beste Grüße und eine glückliche Heimkehr.

        happy sailing

        HANS
        DF1SH/mm

  2. Ihr lieben Freunde, ihr schafft es wieder einmal, eure Abenteuer zu übertrumpfen – diesmal mit gleich zweimaligem unerwünschten Beinahe-Kontakt mit Militär! Die ganze Passage liest sich spannend wie ein Krimi – wie heißt noch mal der Kommissar aus Italien, der auch immer Küchen-Episoden einflicht? Willkommen zurück auf dem europ. Festland, wir freuen uns schon auf euch hier in B.! Fühlt euch umarmt, Bernhard

  3. Liebe Annette, lieber Thomas, willkommen im guten alten Europa! Freut mich, dass ihr so gut wieder zurückgekommen seid und wünsche euch noch viel Spass auf den Kanalinseln!
    Liebe Grüße von Christl

    • Liebe Christl, danke für deine Zeilen. Wir sind schon wieder in Frankreich, in Boulogne-sur-Mer. Eine tolle alte Stadt und wir genießen Baguette, Pastete und Käse. Ein Paradies für Heimkommende…

      Liebe Grüße Thomas und Annettewww.ankesophie.wordpress.com

  4. Congratulations on your arrival in Europe, you have traveled far and wide since we last met in Tasmania. Gary, Vicki, Zeke and Nina – SV Mojombo

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