Passage zu den Azoren

Wir hatten einen „Boxenstopp“ in Mindelo auf Sao Vicente, Kapverdische Inseln. Eigentlich wären wir von Ascension fast durchgesegelt bis zu den Azoren, da wir weit nach Westen versetzt waren und wir nicht zu den Kapverden aufkreuzen wollten. Dann brach das Ruderblatt der Windfahnensteuerung  und wir wollten uns aus einem Brett ein Provisorium bauen und dafür liefen wir Mindelo an. Auf den Kapverden kauft man ein passendes Brett nicht im Baumarkt wie bei uns, sondern man geht zuerst zu einem Holzhändler. Unser italienischer Bootsnachbar Umberto begleitet mich, denn er kennt hier inzwischen die wichtigsten Läden. Dort kaufen wir nach langer Diskussion auf Spanisch (Portugiesisch können wir beide nicht) für 10 Euro ein 2,5 m langes Brett aus bestem afrikanischen Hartholz, auch wenn ich nur 90 cm brauche, man kann auf den Kapverden nur ganze Bretter kaufen. Mit dem Holz gehen wir zum Schreiner. Mit dem verbliebenen Kopf des Ruderblattes und einer Zeichnung erklären wir, wie das Ruderblatt aussehen soll. Am nächsten Tag besuchen wir den Schreiner erneut und haben, nachdem wir noch ein paar Verbesserungen vorgeschlagen haben, ein perfekt profiliertes Ruder, ein paar Risse werden mit Kitt ausgespachtelt, dann schmirgeln und pinseln wir es mit Klarlack.

Das neue Pendelruderblatt aus Holz

Das neue Pendelruderblatt aus Holz

Wir sind eigentlich fertig zum Ablegen, als der Schock kommt.  Durch Zufall entdecken wir, dass an der Püttingsplatte auf Backbord zwei von vier Schrauben gebrochen sind und die letzten beiden stark verbogen sind. Da die Aufhängung hinter einer Verkleidung sitzt, haben wir es nur gesehen, weil an der Stelle ein wenig Wasser durchtropfte und ich Annette vorschlug, einen Lumpen zum Auffangen hineinzustopfen. Als wir die Verkleidung öffnen, kommen uns zwei Muttern mit gebrochenen Schrauben entgegengekullert. Es hätte den Mast kosten können. Lange diskutieren wir darüber, wie vier M14-Schrauben so zerstört werden können. Welche Kräfte müssen da gewirkt haben? Wenn man die dünnen Wanten sieht und die dicken Schrauben brechen! Ich denke, die Schrauben hatten sich trotz Sprengringen gelöst und sind dann durch Scherkräfte gebrochen. Oder ist es doch Ermüdungsbruch? Die beiden letzten hat es dann verbogen, da die Platte nur noch außenseitig gehalten wurde. Erstaunlicher Weise sind die Schrauben auf der Innenseite, also unter den Unterwanten gebrochen. Ich hätte eher gedacht, dass die Oberwanten größere Kräfte aufweisen. Wir werden das zuhause versuchen mit Bavaria zu klären.

Natürlich entdecken wir den Schraubenbruch am Samstagabend und bis Montag ist nicht klar, ob wir überhaupt M14-Schrauben in Mindelo bekommen werden. Original sind Senkkopfschrauben mit Innenimbus in V4 eingebaut. Die bekommen wir hier natürlich nicht, aber wir können zum Glück Normalschrauben in V2-Qualität kaufen. Diese unterlegen wir ordentlich mit U-Scheiben, damit die Kräfte in die Platte trotz des fehlenden Konus übertragen werden. Das muss reichen bis zu den Azoren, wo mein Bruder Andy  dann hoffentlich die richtigen Schrauben mitbringt.

Wir nehmen uns noch einen extra Tag, proviantieren uns auf dem tollen Markt mit Gemüse und Früchten und legen am Mittwoch, 20.04.2016 ab, um unsere Überfahrt zu den Azoren fortzusetzen. Nightfly segelt durch und liegt mittlerweile 430 Seemeilen vor uns, wir sprechen zweimal am Tag über Kurzwelle.

Sao Vicente liegt hinter uns

Sao Vicente liegt hinter uns

Wir lassen Santo Antao an Steuerbord liegen uns fahren Kurs 350°

Wir lassen Santo Antao an Steuerbord liegen und fahren Kurs 350°

Die ersten drei Tage kommt der Wind aus der richtigen Richtung (Nordost), so dass wir unseren Kurs 350° gut halten können. Er ist zunächst mit 20 Knoten stärker, als er sein müsste, sodass wir Lage schieben. Jedes Mal, wenn das Schiff sich auf die Seite legt, beiße ich die Zähne zusammen. Nein nicht wirklich, denn wir reffen früh, um die Kräfte im Rigg im Rahmen zu halten (das haben wir auch während der gesamten Reise so gemacht, denn zu viel Lage segeln ist Unsinn).  Aber trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl wegen des erlittenen Schrecks. Dann nimmt der Wind ab und wir haben herrlichste Bedingungen und kommen gut voran. Allerdings erreichen wir am fünften Tag ein riesiges Schwachwindgebiet, in dem die Grib-Files nur ca. 5 Knoten Wind vorhersagen. Da müssen wir leider durch. Wir nutzen die Segel, so lange es geht und überbrücken die Flauten mit der Maschine. Ursprünglich wählten wir Flores als unseren Zielhafen, aber wir entscheiden uns um und steuern nun Horta auf Faial an, da der Hafen dort geschützter ist und da wir uns inzwischen über die Azoren informiert haben und wir an Faial Gefallen gefunden haben . Dann setzt sich doch ein angenehmer Wind mit 3 Bft aus Westen durch und wir segeln unter Groß und Spi, bis er nach NW dreht. Zu früh gefreut, denn vom vierten bis zum siebten Tag der Passage müssen wir immer wieder die Maschine zu Hilfe nehmen, insgesamt 50 Stunden. Zum Vergleich: Wir brauchten den Motor nur 22 Stunden, um die Doldrums nördlich des Äquators zu durchqueren.

Wir kommen in die Flaute

Wir kommen in die Flaute

Sobald wieder Wind aufkommt,

Sobald wieder Wind aufkommt,

setzen wir den Spi

setzen wir den Spi

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Das Leben wäre wunderbar, wenn uns nicht ein Tiefdruckgebiet Sorgen bereiten würde, das unseren Weg zu kreuzen scheint. Die Prognosen sagen voraus, dass wir es in ca. drei Tagen passieren, wenn wir Glück haben auf seiner Ostseite, wo die Windgeschwindigkeiten sich in Grenzen unter 25 Knoten bewegen sollten; wir werden das beobachten und stehen mit Jeff, einem Amateurfunker vom „Portuguese Maritime Ham Net“, in Verbindung und erhalten von ihm Wetterinformationen.  Er warnt uns vor 45 Knoten, allerdings auf seiner westlichen Seite.

Grib-File für den 24-04.16: ein kräftiges Tief kommt auf die Azoren zu

Grib-File für den 24.04.2016: ein kräftiges Tief kommt auf die Azoren zu

25.04.16

25.04.2016: Was kommt den da unten links?

26.04.16: Ein Tief erscheint auf unserer Breite

26.04.2016: Ein Tief erscheint auf unserer Breite

27.04.16: Das Tief kommt uns näher

27.04.2016: Das Tief kommt uns näher

28.04.16: und streift unsere Bahn

28.04.2016: und streift unsere Bahn

29.04.16: Das Tief wird durch das Hoch rechts von uns am Weiterzug gehindert

29.04.2016: Das Tief wird durch ein Hoch rechts von uns am Weiterzug gehindert

30.04.16: Das Tief weicht nach Süden aus

30.04.2016: Das Tief weicht nach Süden aus

Wir verfolgen die Wetterdaten täglich, aber es bleibt dabei. Am achten Tag dreht der Wind über Süd auf Osten und nimmt zu. Am neunten Tag haben wir mehr Wind, als die Grib-Files zeigten, aber das kennen wir nun seit langem. Wir haben ENE mit 25 bis 30 Knoten, also 7 Bft in den Spitzen und das recht hoch am Wind. Die entsprechenden Wellen brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen, sie gehören dazu. Das Leben an Bord wird ungemütlich, wir hatten bereits die Genua gegen die Fock getauscht und binden nun nacheinander das erste, zweite und dritte Reff ins Groß, bis selbst das zu viel ist und wir segeln allein unter Fock. Aber wie vorhergesagt wird das Tief durch das gegenüberstehende Hoch blockiert und zieht nach Süden. Bei uns lässt der Wind wieder nach. Während die Etmale in der Flaute nur bei 90 Seemeilen lagen, denn wir starten die Maschine erst bei unter 2 Knoten Geschwindigkeit, liegen sie nun bei 150 Seemeilen, wenn wir bei halbem Wind durch die See pflügen.

Zwischendurch antworte ich auf Fragen, die mir Paul II unterwegs per Email gestellt hat. Paul ist der zweite Segler, den wir kennengelernt haben, der eigentlich gar nicht Paul heißt, und wird uns auf den Azoren besuchen. Mittlerweile kennen wir vier, Paul III ist Brite und Paul IV ist Südafrikaner:

Wie geht es einem wie dir, der die Welt umsegelt hat?

Auf diese Frage mache ich mir erst einmal einen heißen Kakao, ein Getränk, das ich viele Jahre nicht mehr getrunken habe, denn das Wetter fühlt sich hier im Nordatlantik kurz vor den Azoren, wenn man aus den Tropen kommt, bitter kalt an. Eigentlich hat es Temperaturen, über die alle in Deutschland im Frühjahr zufrieden wären. Um sicher zu gehen, empfiehlt Annette noch einen Schuss Rum dazu, übrigens aromatisiert mit selbst getrockneten Vanilleschoten aus Madagaskar. Nun, mir geht es ganz normal. Natürlich haben wir in Mindelo auf die beendete Weltumsegelung angestoßen, aber für uns wird sie erst abgeschlossen sein, wenn wir heil in Stralsund angekommen sind. Vielleicht können wir es dann genauer beantworten, vorab bleibt mein Gefühl eher klein und unbedeutend, als ob es die natürlichste Aufgabe der Welt sei, um sie herumzusegeln. Keine Heldentat, wegen der einem die Brust schwellen muss.

Wie gehst du jetzt mit solchen „Bootswehwehchen“ auf der Heimreise um, die einem den Schrecken in die Glieder fahren lassen? Genervter als auf der Hinfahrt?

Als wir die gebrochenen Schrauben an den Püttings entdeckten, da ist uns wirklich der Schrecken in alle Glieder gefahren. Aber ansonsten nehmen wir die laufenden Schäden am Boot gelassener hin als zu Beginn. Es gibt beim Blauwassersegeln eigentlich nichts, was nicht kaputt geht. Als das Pendelruder der Windfahne brach, war der Gedanke: Gut, dann segeln wir doch nach Mindelo, um ein Provisorium zu bauen, dann können wir auch frisches Gemüse und Obst einkaufen. Wir haben mit vielen Seglern darüber gesprochen, die alle bestätigten, dass das Salzwasser und die Bewegungen alles am Schiff zerstören, selbst V4-Stahl rostet unter den tropischen Bedingungen. Insgesamt helfen nur genügend Ersatzteile, Gedankenspiele im Vorhinein, was tue ich wenn, und etwas Improvisationstalent.  Die Gelassenheit ist größer geworden, auch wenn ich immer noch wie Rumpelstilzchen an Bord herumspringe, wenn etwas kaputt geht oder ein Manöver misslingt.

Fühlt es sich ab und zu so an, wie das Ding nur noch vernünftig zu Ende zu bringen?

Klare Antwort: Auch wenn es wie im letzten Drittel der Passage mit 25 – 30 Knoten weht und die Wellen uns hin und her werfen. Auch wenn das Boot seit Tagen mit Lage fährt und man sich dann an Bord nur noch wie ein Orang-Utan von Haltegriff zu Haltegriff hangeln kann und ich mich frage, was mache ich hier eigentlich, so bin ich weit davon entfernt, das Ding nur noch vernünftig zu Ende bringen zu wollen.  Klarer wird es, wenn es wieder ruhiger wird und ich in die See blicke und fühle, dass ich hier und jetzt genau richtig bin. Andererseits freuen wir uns auch schon riesig auf die Freunde und unser Leben zuhause; die Reise war von Anfang an für maximal drei Jahre geplant. Wir sind gespannt auf die Azoren und die Kanalinseln, wo wir ein paar Extratage eingeplant haben, und auf die verbleibenden Passagen.

Oder sind die Tage noch genau so aufregend wie die auf der anderen Seite der Welt? Wie die als es einfach nur los ging?

Das sind zwei Fragen, also kommen zwei Antworten.  Bei aller Routine, die sich einstellt, wenn man drei Jahre mit dem Boot unterwegs ist, bleibt vor jedem Ablegen eine kleine Anspannung und das ist gut so, da bleibt man konzentriert. Wir genießen es bis zuletzt, neue Länder und Menschen kennenzulernen. Gerade in Mindelo haben wir in einer Woche so viele nette Segler*innen getroffen und fanden in der Stadt einen Flair, den wir nicht erwartet hatten und den wir beim ersten Besuch nicht aufgenommen haben, da wir nur auf die bevorstehende Atlantiküberquerung fixiert waren. Als es losging, war natürlich alles aufregend, denn die erste Ozeanpassage gibt es für jeden eben nur einmal im Leben.

Abschließend zum Thema Zusammenleben an Bord noch einen Kommentar meines Bruders Andy auf unsere Einschätzung, dass wir für diese Passage zwölf Tage bräuchten:  „Martina hat gemeint, dass sie mich nach zwei Tagen erschlagen hätte. Ich sagte, kann nicht sein, ich hätte dich nach einem Tag über Bord geworfen.“

Segelquallen treiben an uns vorbei. (Velella velella)

Segelquallen treiben an uns vorbei. (Velella velella)

Wir erreichen Horta am 1. Mai nach 1.340 Seemeilen und 11 ½ Tagen; wir sind glücklich, dass wir die nicht einfache Passage so gut gemeistert haben, den vierten Teilabschnitt der fast 5.000 Seemeilen von Namibia bis zu den Azoren. Jetzt werden wir einige Wochen azoreanische Beschaulichkeit genießen.

Annette setzt die Flagge Q für Quarantäne

Annette setzt die Flagge Q für Quarantäne

Wir erreichen Horta auf Faial im Abendlicht

Wir erreichen Horta auf Faial im Abendlicht

Wir sind zurück in Europa. Unsere Überfahrt war vielseitig bezüglich des Wetters; zunächst noch im Bereich der Passatwinde, dann querten wir einen großes Schwachwindbereich und streiften anschließend ein aufziehendes Tief und segelten dann in ein starkes Hoch, das sich über den Azoren gebildet hatte.

Barograph vom 24.04 bis zum 02.05.2016 - Nach dem Tief fahren wir in das Hoch

Barograph vom 24.04 bis zum 02.05.2016 – Nach dem Tief fahren wir in das Hoch

Die Prognosen zeigen in zwei Tagen Nordwind, also Wind gegenan, den wir nicht hätten haben wollen. Wir sind jetzt zurück im Bereich wechselnder Winde und es ist mit 16°C für unser Empfinden sehr kalt. In den Tropen wünschten wir uns die gemäßigten Temperaturen des Nordens, nun denken wir gerne an die Wärme zurück, freuen uns aber auf den kommenden Sommer in der nördlichen Hemisphäre.

Unsere Route durch über den Atlantik von Kapstadt bis zu den Azoren

Unsere Route über den Atlantik von Kapstadt bis zu den Azoren

4 Antworten zu “Passage zu den Azoren

  1. Liebe Annette, lieber Thomas, welcome back im Norden! Wir freuen uns schon auf Euch, kann ja nicht mehr lange dauern…
    Viele liebe Grüße von Annette*

  2. MC Tom antwortet dass bei ihm letzte Woche der komplette Auspuff des Autos auf die Belziger Straße gefallen ist; zum Glück bei geringem Tempo und so scheint mir ist es Euch ergangen. Wobei der Auspuff nun wirklich nicht so lebenswichtig und gefährlich ist wie wenn die letzten Schrauben herausgebrochen worden wären und der Mast im Atlantik …, au ich mag gar nicht daran denken was da noch alles dran hängen mag. Super dass Ihr schnell in der Lage wart zu reparieren und weitergekommen seid, es ist ein weiteres Wunder, dass das Tief sich verzogen hatte und das Auge sich nicht in Euere Bahn geschoben hat. Uff … ich atme auf und bin mit Spannung dabei die Berichte wühlen mich doch ganz schön auf. Danke dafür! ich freue mich wenn ich Euch wieder in die Arme nehmen kann. Thomas (MC Tom)

  3. Lieber Thomas und liebe Annette, manche eurer Erlebnisse hatte ich ja schon in E-mails lesen dürfen – aber noch jedes Mal erschrecke ich wieder, wenn ich lese, was ihr da habt abwenden können! Jetzt in diesem Bericht kommen dafür wieder eure wunderbaren Fotos zum Tragen und sie stehen dann auch für mich im Vordergrund, weil neu. Die Segelquallen sehen wunderschön aus – nähere Bekanntschaft möchte man mit ihnen sicher NICHT machen… Es ist schön, euch näher und näher zu wissen; ich hoffe, ihr genießt Ferienstimmung auf den Azoren! Das habt ihr euch verdient. Fühlt euch umarmt – Bernhard

    • Lieber Bernhard,danke für deine Zeilen. Ja wir genießen die Zeit auf Faial, auch wenn es recht kühl ist und ab jnd zu regnet. Gestern war ein wunderschöner Tag, den wir für einen Ausflug mit dem Mietauto nutzen. Herrliche Rundwanderung um die Caldeira. Abends gut Fischessen. Tatsächlich Urlaub… Liebste Grüße Thomas+Annette

      Liebe Grüße Thomas und Annettewww.ankesophie.wordpress.com

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