St. Helena

Wir haben uns entschlossen, auf direktem Weg zu den Azoren zu segeln, während die meisten Segler den Weg über die Karibik zu den Azoren wählen. Der Vorteil der direkten Route ist, dass er ca. 2.500 sm kürzer ist, wir wollten die entsprechende Zeit lieber in Namibia verbringen. Der Nachteil der direkten Route ist, dass wir nach Querung des Äquators mit einem Nordkurs hoch am Wind, dem Nordostpassat, segeln müssen, was gegen die Wellen und damit wesentlich unruhiger sein wird. Eine lange Überfahrt mit insgesamt 5.300 sm liegt vor uns: Von Walvis Bay in Namibia führt unsere Route über St. Helena und Ascension, zwei Inseln mitten im Südatlantik, über die Kapverden zu den Azoren. Die erste Etappe bis St. Helena hat eine Länge von 1.224 Seemeilen und wir rechnen mit zehn Tagen.

Unsere geplante Route durch den Atlantik

Unsere geplante Route durch den Atlantik

Wir verlassen Namibia am 25. Februar bei leichtem Nebel mit einem nordwestlichen Kurs und queren am ersten Tag der Überfahrt nach St. Helena den Längengrad von Stralsund, unserem Heimathafen (54°18,7’N 013°06,6’E), nur etwas südlicher etwa auf 22°30‘S . Ein wunderbares Gefühl, denn Anke-Sophie hat damit alle Längengrade dieser Erde von Ost nach West gekreuzt. Aber unsere Weltumsegelung wird erst komplett sein, wenn wir den Äquator ein zweites Mal übersegelt haben und unsere alte Kurslinie bei den Kapverden kreuzen werden, wo unsere erste Atlantiküberquerung im Februar 2014 begann.

Der Südatlantik hat meist stabile Wetterlagen, die vom Südatlantikhoch und dem Südostpassat bestimmt werden. Lediglich ein Hitzetief über der Wüste von Namibia beschert uns küstennah stärkere Winde. Wir haben das Wetter beobachtet und wählten den Abfahrtstag so aus, dass uns dieser frische Wind für ein gutes Stück begleiten wird. Unsere Überfahrt beginnt so auch mit einem stärkeren Südwind mit 5 – 6 Bft., der dann leichter wird und auf SSW dreht, um sich bei St. Helena  auf SE 3 abzuschwächen. Die Passage ist unsere bisher angenehmste Überfahrt, da wir meist gemäßigte und gleichmäßige Winde haben und somit viel Zeit zum Lesen finden. Da auf den raumen Kursen bei relativ schwachen Winden das Großsegel in der Welle zu schlagen beginnt, baumen wir Genua und Fock auf beiden Seiten aus und haben dadurch eine stabile Lage und der Windpilot steuert das Schiff fast die gesamte Zeit über zuverlässig. Zwei Mal angeln wir einen kleinen Golden Kingfish, der unseren Speiseplan wohlschmeckend bereichert. Nach neun Tagen taucht dann in den Wolken am Horizont die Felseninsel St. Helena vor uns aus dem Meer.St.Helena 004

Genua und Fock ausgebaumt

Genua und Fock ausgebaumt

St.Helena 013

Land in Sicht

Land in Sicht

Wir machen das Schiff an einer Mooringtonne vor Jamestown fest. Der Hafenmeister bittet uns mit der kleinen Fähre um 15:00 Uhr überzusetzen, später erfahren wir, dass er vorher ein Fußballspiel ungestört in der Bar sehen wollte. Alles verläuft sehr freundlich, nett  und entspannt. Monique und Pieter, die vor drei Wochen hier waren, haben bei ihm ein Buch über Wanderungen auf der Insel deponiert. Die Frau vom Zoll hilft uns beim Ausfüllen der Formulare und bei der Polizei begrüßt man uns mit einem Korb Süßigkeiten, aus dem wir uns etwas aussuchen können, während unsere Pässe gestempelt werden. Neben der Immigration liegt das Gefängnis. Wie die nette Polizistin uns erzählt, mit zurzeit 14 Gefangenen, was uns verwundert, denn es leben nur 4.000 Menschen auf St. Helena – also doch kein Paradies?

Für uns ist St. Helena eines der letzten Paradiese, die nur auf dem Seeweg erreicht werden können. Da die Insel (15°55’S 005°43’W) mitten im Südatlantik liegt, sind lediglich wenige Segler zu Besuch, um hier ihre Passage über den Atlantik für eine angenehme Zeit zu unterbrechen. Die Insel wird nur achtmal im Jahr von der RMS St. Helena angesteuert; RMS steht für Royal Mail Ship. Die Überfahrt von Kapstadt dauert fünf Tage. Neben Fracht bringt das Schiff auch bis zu 156 Touristen, die dann eine Woche auf der Insel bleiben, während das Schiff nach Ascension und zurück fährt. Insgesamt dauert die Rundtour 17 Tage. Alle reden vom Flughafen, der in zwei Monaten eingeweiht werden soll. Damit wird die Insel an den Rest der Welt über schnelle Flugverbindungen angeschlossen und es werden wesentlich mehr Touristen auf die Insel strömen;  der Charme dieser extremen Abgelegenheit wird verschwinden. Wir sind sehr froh, die Insel so besuchen zu können, wie alle vor uns sie in den letzten 500 Jahren besucht haben, auf dem Seeweg.

Baustelle des Flughafen

Baustelle des Flughafen

Wir leben uns langsam mit jedem Besuch an Land etwas mehr ein. Die Leute sind freundlich und aufgeschlossen. Auf der Straße begrüßen sich Besucher und Bewohner. Das Leben wirkt angenehm entschleunigt. Es gibt keinen Geldautomaten. Wir können jedoch in der kleinen Bank mit der Kreditkarte St. Helenische Pfund bekommen, allerdings mit einer Gebühr von 5%. Das Leben in Jamestown ist teuer, wir haben uns aber in Südafrika gut verproviantiert.

Jamestown

Jamestown

St.Helena 167

Wir organisieren eine Rundfahrt in einem Kleinbus mit anderen Seglern und bestaunen die Kontraste der Insel. Von außen wirkt sie durch die kargen Felswände sehr trocken und abweisend, im Inneren erwarten uns die grünsten Täler und Hügel, die man sich vorstellen kann, alles wächst und gedeiht, denn in den Bergen regnet es oft. Die wenigen Straßen sind sehr eng und steil. Immer wieder ergeben sich tolle Ausblicke, wenn sich nicht gerade die umherwabernden Wolken dazwischen schieben und uns jegliche Sicht nehmen. Wir sehen Jamestown von oben, wie es in einem engen Tal liegt, das sich zum Meer hin erstreckt, beidseitig eingerahmt von hohen Felsrücken.

Jamestown aus dem Tal

Jamestown aus dem Tal

Blick in die Berge

Blick in die Berge

Blick von der Seeseite

Blick von der Seeseite

Wir besuchen Longwood House, in dem Napoléon Bonaparte auf St. Helena während seiner Verbannung lebte. Nach der Schlacht von Waterloo in 1815 ergab er sich den Briten und wurde hierher verbannt, man hoffte, dass er von hier kein weiteres Unheil anrichten könnte. Das Farmhaus wurde für ihn um einige Räume erweitert. 1820 erkrankte er und starb 1821 im Alter von 52 Jahren. Wir besichtigten auch sein einfaches Grab in Sane Valley, wo er bis 1840 bestattet lag, bis die Franzosen ihn mit viel Aufwand nach Paris überführten.  Es ist schon etwas Besonderes, wie uns auf unserer Weltumsegelung immer wieder die Geschichte einholt und wir einige der entlegensten Winkel der Welt erkunden dürfen. Wir vergegenwärtigen uns die geschichtlichen Zusammenhänge. Während die Briten nach der Seeschlacht von Trafalgar unter Lord Nelson 1805 die Hoheit auf See erreichten, baute Napoléon  nach der Schlacht von Austerlitz die Machtstellung für Frankreich auf dem Kontinent aus. Mit den Niederlagen in Russland 1812 und 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig (Anmerkung: Wir sind Mitglieder im „Yachtclub Leipzig“) beginnt der Zusammenbruch des Reiches und endet mit Waterloo. So segeln wir im Laufe unserer Weltumsegelung zu vielen Orten mit großer historischer Bedeutung, wie auch hier in St. Helena. Die Insel war die strategisch wichtigste Kolonie der Briten, verlor aber nach der Öffnung des Suezkanals ihre zentrale Bedeutung.

Longwood

Longwood

Grab von Napoleon

Grab von Napoleon

Wir erklimmen das südliche Hochplateau über Jamestown über die berühmten 699 Treppenstufen, die Jakobsleiter. Die Blickwinkel verändern sich und wir beobachten den schmalen Ort, wie er in das Tal eingeklemmt unter uns liegt. Heute steigen wohl nur noch die seltenen Touristen über die Stufen, die Einwohner nehmen dann doch lieber das Auto oder den Bus. Auf der Seeseite sehen wir Anke-Sophie aus der Vogelperspektive unter der Steilküste an einer Mooringtonne liegend.

Die Jakobsleiter von unten

Die Jakobsleiter von unten

St.Helena 174

Blick von oben über die Stadt

Blick von oben über die Stadt

Anke-Sophie aus der Vogelperspektive

Anke-Sophie aus der Vogelperspektive

Blick von unserem Ankerplatz

Blick von unserem Ankerplatz

Unsere Nachbarn

Unsere Nachbarn

Wir wandern viel durch die Berge der Insel und sammeln unsere Eindrücke.  Eine Wanderung führt uns zum Flagstaff, wo wir Deadwood passieren, eine abgeholzte Waldfläche, auf der Anfang des 20. Jahrhunderts 6.000 Buren von den Engländern als Kriegsgefangene in Lagern untergebracht waren. St. Helena hat in seiner 500-jährigen Geschichte oft als Gefangeneninsel fungiert. Die Bewohner bestehen aus einem bunten Bevölkerungsgemisch, darunter viele ehemalige freigelassene Sklaven aus unterschiedlichen Ländern.  Auf den Wiesen, dem ehemaligen Lager der Kriegsgefangenen, sehen wir den „Wire Bird“, die letzte überlebende  Vogelart von ursprünglich neun endemischen Spezies, die es nur auf St. Helena gab.

Plantation House

Plantation House

St.Helena 066 St.Helena 153

Auf unserer Wanderung zum Diana’s Peak werden wir spontan zu einem netten Gespräch mit Wissenschaftlern eingeladen, die hier seit 19 Jahren erfolgreich gegen das Aussterben bedrohter Pflanzenarten ankämpfen, um sie nach geglückter Vermehrung wieder auf der Insel zu verbreiten. Sie zeigen uns ihre langwierige und schwierige Arbeit. Das Hauptproblem ist der Flachs, der hier vor langer Zeit angebaut wurde. Heute rentiert sich die Ernte nicht mehr, aber der Flachs vermehrt sich so stark, dass er die gesamte ursprüngliche Vegetation zu vernichten droht. Sie erzählen uns, dass man den endemischen „Bastard Gumwood“, den weltweit seltensten Baum, schon Anfang des 19. Jahrhunderts als ausgestorben betrachtete, bis man 2009 einen einzigen einsamen Baum in einer Felswand entdeckte, von dem man Samen retten konnte. Nun wird der Baum vermehrt und wieder auf der Insel angepflanzt. Wir finden auch junge Ebenholzbäume, die ebenfalls stark bedroht sind.  Glücklicher Weise landet vor uns in einem Baum ein „Fairy Tern“ (Gygis alba) und wir können diesen weißen kleinen Seevogel fotografieren. Auf dem Rückweg kommen wir an dem Platz vorbei, an dem der britische Astronom Edmond Halley 1677 die Sterne der südlichen Hemisphäre vermaß und katalogisierte. Die Geschichte verfolgt einen hier auf Schritt und Tritt.

Blüte der Ebenholzpflanze

Blüte der Ebenholzpflanze

Bastard Gumwood

Bastard Gumwood

Blick von Diana's Peek

Blick von Diana’s Peek

St.Helena 183St.Helena 191

St. Matthew

St. Matthew

Die Zeit auf St. Helena wird uns nicht lang. Wenn wir nicht wandern, dann lesen wir oder treffen ab und zu andere Segler in einem der drei Restaurants im Ort oder zu einem Gläschen an Bord. Wir genießen die Ruhe und freuen uns, an diesem besonderen Ort zwei Wochen zu verbringen, während viele andere sich schon nach wenigen Tagen auf den Weg in die Karibik machen. Das nächste Ziel ist Ascension, wo wir drei Tage bleiben wollen, um dann von dort den langen Weg über den Äquator zu den Kapverdischen Inseln anzutreten. Ihr müsst also einige Zeit auf den nächsten Bericht warten.

9 Antworten zu “St. Helena

  1. Ihr Lieben,

    toll, dass es Euch gut geht. Habe in den letzten Tagen schon öfter an Euch gedacht…

    Wir drücken für den anstehenden großen Schlag fest die Daumen!!! 🙂

    Herzliche Grüße aus dem sonnigen Berlin,
    Flo & Co

  2. Ihr Lieben,
    interessant und schön ist wieder der Bericht von St. Helena, auch sehr interessant der Kampf der Wissenschaftler gegen den Flachs, was Neophyten so alles anrichten können! Wunderschön die Blüte des Ebenholzbaumes! Danke und gute, gefahrlose Weiterreise!
    Liebe Grüße von eurer Lisa

  3. Liebe Freunde, trotz aller Widrigkeiten und Wucher ackert sich Thomas ab, uns mit seinen wundervoll bebilderten Berichten zu erfreuen! Großartig, toll, spektakulär… Danke ein weiteres Mal dafür! Ich schließe mich Lisa an und küre die Ebenholzblüte zu meinem Bild Nr.1 dieses Berichtes. Segelt gut gen Norden – immer näher zu uns ran, das ist eine schöne Perspektive für mich. Euer Bernhard

    • Danke, lieber Bernhard, es freut uns, dass ihr uns auf diese Weise folgen könnt und so ein wenig miterlebt, was wir hier sehen und kennen lernen. Heute Nacht wollen wir auf Ascension die Schildkröten beobachten, wie sie ihre Eier am Strand ablegen in ihre Nester, die sie zuvor ausheben. Wir sind gespannt darauf.

      Liebe Grüße

      Thomas und Annette http://www.ankesophie.wordpress.com

    • Lieber Manfred,

      das haben mich schon viele gefragt. Ich weiß es noch nicht. Ich denke, so viele haben ein Buch über ihre Weltumsegelung geschrieben, da braucht es nicht auch noch eines von mir. Der Blog macht mir viel Freude, auch wenn es oft sehr mühsam und langwierig ist, die Daten bei schlechtem Internet hochzuladen. 

      Aber ein Freund von uns, Harald von Selzam, hat uns eine große Freude gemacht, indem er Texte und Bilder des ersten halben Jahres aus dem Blog genommen hat und daraus ein Fotobuch erstellt hat. Es ist sehr gut geworden und man kann es bei „Blurb“ bestellen. Vielleicht setze ich das Projekt fort, wenn wir zuhause sind, das wäre ein guter Kompromiss. Leider ist es nicht preiswert.

      Liebe Grüße

      Thomas und Annette http://www.ankesophie.wordpress.com

  4. Wonderful coverage and images. I can not wait to visit there. I think I have said that every step along your way since you left New Zealand :-). Anyhow, safe travels as you continue. Fair winds!

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