Indonesien Teil 1, Molukken

Nach 14-tägiger Überfahrt kommen wir in Indonesien an. Wir hatten Tual als Einklarierungshafen gewählt. Die Kei Inseln gehören zu den Molukken, hier Maluku genannt, dem östlichen Teil Indonesiens, der zwischen Papua-Neuguinea und Sulawesi liegt.  Eine von der Hauptstadt Jakarta sehr weit entfernt liegende Region, die äußerst selten von Touristen besucht wird. Anke-Sophie liegt als einzige Yacht in der Bucht vor Tual und wir bleiben für Wochen die alleinige Segelyacht weit und breit, ein noch stärkeres Gefühl der Abgeschiedenheit als bisher erlebt. Die Inseln nennen sich auch die Gewürzinseln, da hier zu früherer Zeit Muskatnuss, Gewürznelken und Zimt endemisch waren, also nur hier wuchsen. Bis 1769 hatten sie eine Monopolstellung und der Handel blühte und bekam weltweite Bedeutung, bis die begehrten Pflanzen auch auf anderen Inseln angebaut wurden.

Moschee in Tual

Moschee in Tual

Fußgänger leben gefährlich

Fußgänger leben gefährlich

Im Zentrum von Tual

Im Zentrum von Tual

Nach durchsegelter Nacht pumpen wir das Schlauchboot auf, um uns bei den Behörden zu melden.  Das Thema indonesische Bürokratie hat uns schon monatelang beschäftigt, denn wir wollten das benötigte Visum ohne die Teilnahme an einer organisierten Rallye, also eigenständig beantragen. Im Vorfeld mussten wir eine Agentin in Indonesien beauftragen, um  das benötigte Empfehlungsschreiben und die Reisegenehmigung CAIT (Clearance Approval for Indonesian Territory)  zu beantragen. Der erste Besuch bei der indonesischen Botschaft in Sydney im Februar war gescheitert, da die Papiere nicht komplett waren. So mussten wir unsere Pässe per Post nach in die neuseeländische Hauptstadt Wellington schicken, um das Visum zu erlangen.  Dann kamen wir in Zeitdruck, denn das Visum war nur drei Monate gültig und wir mussten bis Ende Juni Indonesien erreicht haben, sonst wäre alles umsonst gewesen, wobei „umsonst“ kann man nicht sagen, die Agentin und die Genehmigung haben einige Hundert Euro gekostet.

Aber nun haben wir es geschafft, wir sind da.  Müde stolpern wir über Straßen und Gehwege, in denen metergroße Öffnungen klaffen; ein falscher Tritt und wir verschwänden in der Kanalisation, die aus offenen Rinnsalen unter dem Gehweg besteht. Trotz der Sprachschwierigkeiten finden wir die Gebäude von „Immigration“ und „Customs“. Wir werden sehr freundlich empfangen und die netten Angestellten füllen etliche Formblätter aus. Beim Zoll arbeiten sogar drei Leute parallel für uns und am Ende bekommen wir 13 ausgedruckte Formulare vorgelegt, die alle in mehrfacher Ausfertigung meist von beiden Seiten zu unterzeichnen und zu stempeln sind. Das ist quantitativer Rekord. Um das Einklarieren nach kurzen drei Stunden – wir haben von tagelangen Prozeduren gehört – abzuschließen, begleitet der Zoll uns an Bord, sicherlich ein Bild für die Götter, wie die beiden jungen, unsicheren Uniformierten sowie Annette und ich im kleinen Dinghy zur Anke-Sophie übersetzen. Alle Winkel der Anke-Sophie werden fotografisch festgehalten. Die beiden erzählen uns, dass sie aus Java kommen und hier für ein Jahr ihren Dienst im Rahmen ihrer Ausbildung leisten. Drei Tage später, als wir eigentlich schon ablegen wollten, erfahren wir von unserer Agentin aus Bali, dass wir unbedingt noch zuvor die Behörden von „Quarantine“ und „Harbour Master“ aufsuchen müssten. Also warten wir bis Montag früh, um noch weitere Formulare, Stempel und Unterschriften zu sammeln.

Wir tauchen ein in eine andere Welt. Auf unseren Streifzügen durch Tual begegnen wir ausschließlich Asiaten und sehen keinen einzigen Weißen.  Dementsprechend fallen wir auf wie bunte Hunde. Überall tönt das „Hey Mister“. Leider ist die Kommunikation dann doch eher schwierig, denn weitere englische Vokabeln sind unbekannt. Nur die Wenigsten sprechen ein paar Brocken Englisch. Wir erfahren, dass heute der Ramadan angefangen hat und dass deshalb tagsüber alle Restaurants geschlossen sind. Obwohl wir sehr müde sind, gehen wir noch einmal nach Anbruch der Dunkelheit an Land, um ein Restaurant zu suchen. Es regnet in Strömen, die düsteren sehr ärmlichen und schmutzigen Straßen bedrücken uns und die Stimmung kommt beinahe zum Tiefpunkt, dann finden wir doch noch ein kleines, einfaches Restaurant ,in dem wir die einzigen Gäste sind und in dem uns kross gebratenes Huhn mit Reis serviert wird. Das Stimmungsbarometer steigt wieder.Maluku_1_ 181Maluku_1_ 186Maluku_1_ 201Maluku_1_ 194

Wir finden uns langsam in unserer neuen Umgebung zurecht. Unsere Wäsche lassen wir auf einem Hinterhof waschen, aber wann wir sie abholen können, bleibt offen, denn es regnet dauernd und zum Trocknen brauchen sie die Sonne. Erste Versuche, in einem Internetladen unsere Emails herunterzuladen, scheitern.  Obwohl wir für eine Stunde bezahlen, kommen lediglich die Überschriften herein, so langsam war es noch nie. Am nächsten Tag besorgen wir uns eine SIM-Karte fürs Tablet und nun haben wir sogar den Luxus, Internetzugang an Bord zu haben. So prallen wieder die Gegensätze aufeinander.

Nach und nach finden wir die Geschäfte, die wir brauchen, um uns neu zu versorgen und auf dem Basar kaufen wir Gemüse für die nächsten Tage. Ach ja, Annette und ich sind nun Millionäre, leider nur in Rupien, jeder bekommt vom Automaten eine Million, was 66 Euro entspricht. Wir schmeißen mit den Zehn- und Hunderttausendern nur so um uns.  Zuletzt wollen wir Bier kaufen. Wir fragen uns von Geschäft zu Geschäft durch und bekommen nur Kopfschütteln. Was erwarten wir auch, wir sind in einem muslimischen Land und es ist Ramadan. Wir haben es schon aufgegeben (trinken wir halt in Zukunft Tee), da klopft mir ein Motorradfahrer auf die Schulter und meint mit vielsagender Gestik, er wisse, wo wir Bier bekämen. In halsbrecherischer Fahrt düsen wir zum Nachbarort. Natürlich ohne Helm und auf der zweispurigen Straße wird in dritter Reihe zwischen den Autos hin- und herschwingend überholt. So schnell setzt man sein Leben für eine Palette Bier aufs Spiel. Naja, es fühlte sich nur so an, es ist hier eine ganz normale Personenbeförderung.

Der Basar, der Müll wird direkt in die See entsorgt

Der Basar, der Müll wird direkt in die See entsorgt

Stundenlang lauschen wir von Bord aus dem Gesang der Muezzin. Von mindestens drei Moscheen klingen die arabischen Gesänge auf- und abschwingend und sich überlagernd zu uns herüber. Wir sind in Asien und es klingt nach Orient. Das Leben in dieser fernen Region wird stark von der Religiosität bestimmt. Wir sind endlich in einer Region angekommen, die nicht vom Christentum dominiert wird, denn bisher waren die ursprünglichen Kulturen in der Karibik, Mittelamerikas oder im gesamten Pazifikraum durch die Kolonialisierung stark beeinflusst, um nicht zu sagen beinahe ausgelöscht. In Tual herrscht der Islam. Aber wohl in sehr gemäßigter Form und nicht extremistisch. Wir haben den Eindruck, dass die Menschen offen auf uns zu gehen und neugierig sind. Als ich am dritten Tag mit meiner großen Kamera offen durch die Straßen gehe, um die Eindrücke einzufangen, werde ich überall aufgefordert, die Leute aufzunehmen. Ich hätte zunächst  das Gegenteil erwartet, aber wir bunten Hunde erfreuen die Leute an jeder Ecke und allen bereitet es sichtlich großes Vergnügen, abgelichtet zu werden. So wandelt sich unser Blick in drei Tagen vom ersten schockähnlichen Staunen zu langsamem Kennenlernen der hektischen Stadt mit ach so vielen Gesichtern. Der Basar unter einfachen Zeltplanen auf durchweichtem Boden, wo Lebensmittel und Handwerksutensilien dargeboten werden. Die Straßen voller Motorräder, eine stinkende atemberaubende Unsitte, die wir bereits aus Vietnam kennen. Die alten Häuser, schief und krumm, einst sicherlich ordentlich, heute meist verfallen.

Einkaufen bei Regen

Einkaufen bei Regen

Was am Anfang an 1001 Nächte erinnerte und uns in ferne Träume begleitete, fängt nach einigen Tagen an zu stören. Bei aller Toleranz, aber die Regeln der Muslime leuchten uns nicht ein. Fünf Mal am Tag zu beten, das können wir verstehen. Auch dass die Gesänge über Lautsprecher in die Stadt hinaus übertragen werden, mag der Verbreitung dienen. Dass die Gesänge von mehreren Moscheen sich überlagern, gefällt uns zunächst. Wir könnten verstehen, wenn der Gesang der Muezzin für 5 Minuten in alle Welt übertragen wird, aber muss es wirklich stundenlang andauern? Muss es die ganze Nacht fast ohne Unterbrechung jaulen? Fasten mag eine sinnvolle reinigende Erfindung sein, aber ist es für Körper und Seele gut, während des Ramadan noch lange vor der Dämmerung aufzustehen, um zu essen, den Tag über nichts zu sich zu nehmen, um dann alsbald in der Dunkelheit  zu essen, was der Magen fasst? Ist es gesund und „reinigend“, bei dieser Hitze den gesamten Tag nichts zu trinken? Das alles muss uns noch jemand erklären. Allein der fehlende Englisch sprechende Fachmann und die Höflichkeit  hindern uns daran zu fragen. Stattdessen verlegen wir uns in eine ruhige Bucht am Nordwestkap von Kei Kecil und suchen die Einsamkeit.Maluku_1_ 231

Als nächstes Ziel wählen wir die kleine Insel Romang , die zwei Tagesreisen entfernt liegt und eine geschützte Bucht verspricht. Diese ruhige Bucht wünschen wir uns auch, denn die Passatwinde sind stark und wir rauschen wieder durch die Wellenberge. Wir passieren auf unserer Route immer wieder Inseln (auf Indonesisch: Pulau), die sich durch ihr Aussehen eindeutig als Vulkane erweisen. Fremde Namen, die uns noch nicht geläufig sind. Drei seien beispielshaft genannt: Pulau Kebah Br, Pulau Nika und Pulau Teun sehen wir bei Tageslicht. Annette wundert sich des Nachts, was so schwefelig angebrannt riecht und kontrolliert vorsichtig den Herd. Dann wird ihr klar, dass sie auf ihrer Nachtwache einen aktiven Vulkan passiert, den sie zwar nicht sehen, aber riechen konnte.  

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Ein Barrakuda, aber wir haben Angst vor Ciguatera

Zwischendurch erfreut uns das lange vermisste Geräusch, das den Fischalarm signalisiert, die ausrauschende Leine. Endlich einmal wieder  ziehen wir einen langen schlanken Fisch mit unserem Haken an Bord. Wir haben mächtig Respekt vor den gebogenen Fangzähnen und denken, dass wir einen Barrakuda an der Leine haben.  Ich habe das stolze Tier ausgenommen, geschuppt und beinahe fertig filettiert, als Annette mit der „Proviantbibel“ in der Hand an Deck erscheint, die uns aufklärt, dass Barrakudas oft von der Ciguatera verseucht sind. Es sind Raubfische, in denen sich das Nervengift über die Nahrungskette gefressener verseuchter Korallenfische anhäuft. Wir fingen den Barrakuda in der Nähe eines Riffs und sind gewarnt, denn unsere holländischen Freunde hatte es schwer getroffen; sie waren ein halbes Jahr daran erkrankt. Schweren Herzens geben wir aus Vorsicht den lange ersehnten Fisch statt in die Pfanne lieber über Bord.   

Wir ankern vor dem kleinen Ort Hila, setzen über und erkunden das Dorf. Es ist diesmal ein christlicher Ort, was schon die alles überlagernde Kirche zeigt. 9% der Bevölkerung Indonesiens sind Christen. Die Bewohner begrüßen uns sehr freundlich, aber die Verständigung ist noch schwieriger als in Tual, da niemand Englisch spricht, nicht einmal einen Brocken. Am zweiten Tag wird Jamie zur Anke-Sophie gerudert. Er erklärt uns in sehr gebrochenem Englisch, dass er Polizist sei,  vom „indonesischen FBI“ auf Terroristenjagd ausgebildet, und hier für ein Jahr seinen Dienst leiste. Wir sind nicht wirklich enttäuscht, dass nicht die 20 indonesischen Formulare ihn interessieren, sondern dass wir und das Boot im Mittelpunkt stehen. Als wir uns als Deutsche zu erkennen geben, werden – wie so oft – stolz die Namen deutscher Fußballer heruntergebetet, und das zu uns, die wir mit Fußball nichts anfangen können. Mit unserem kleinen Bilderbuch „point it, traveller’s language kit“ erklären wir, dass wir gerne Gemüse und Früchte kaufen würden.  Er begleitet uns an Land und führt uns zu einzelnen Familien, wo wir mit viel Spaß auf allen Seiten Auberginen und Papayas kaufen. Es spricht sich im Ort herum, dass es interessant bei uns an Bord ist und so bekommen wir den Nachmittag über immer neuen Besuch. Ach, könnten wir uns mit den Leuten wie in Vanuatu auf Englisch unterhalten…

Hila auf Romang

Hila auf Romang

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Am Abend lesen wir über die wechselhafte Geschichte der Molukken nach. Sie wurden immer wieder von unterschiedlichen Mächten erobert. Zunächst 1512 durch die Portugiesen besetzt, kamen sie 1663 unter niederländische Herrschaft, die 1796 von den Engländern abgelöst wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Molukken von den Japanern befreit und gegen ihren Willen von Indonesien einverleibt. 1950 proklamierte der christliche Teil der Süd-Molukken ihre Unabhängigkeit, was der indonesische Staat mit Waffengewalt unterband. Zwischen 1999 und 2005 kosteten schwere Kämpfe zwischen Christen und Moslems über 10.000 Opfer. Nun verstehen wir, warum Indonesien selbst auf kleine Inseln wie Romang Polizisten entsendet.  Maluku_1_ 273

Weiter geht es zum Alor Archipel.

Eine Antwort zu “Indonesien Teil 1, Molukken

  1. For some reason my Google Translate is not working on this one so I can only enjoy the photography. And what beautiful photography it is (as always). I love the faces most of all. Hope you didn’t eat that Barracuda 🙂

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