Durch die Kalmen zum Äquator

Annette und ich werden zunächst nach Galapagos segeln. Dort werden wir spontan entscheiden, ob wir bleiben oder gleich weiter zu den Marquesas Inseln fahren. Es hängt davon ab, was in Galapagos auf uns zukommt. Ich habe Schlimmes über die Bürokratie und die Kosten gehört und gelesen. 700 US$ Einreisegebühr für das Boot, dann kostet jeder Tag Besichtigung auf den Inseln mind. 250 $ pro Person und unter 5 Tagen ist eine Tour nicht sinnvoll. Ich habe Galapagos schon einmal gesehen, aber Annette kennt es noch nicht. Nun kommen wir direkt daran vorbei.

Ein letzter Blick auf Panama City

Ein letzter Blick auf Panama City

Zurzeit segeln wir von Panama City durch den Pazifik Richtung Äquator. Das Gebiet ist berüchtigt unter Seglern seit jeher, denn es liegt in den Kalmen. In dieser sog. Intertropischen Konvergenzzone steigen durch die tropische Sonneneinstrahlung mächtige Luftmassen in den Himmel auf und erzeugen großflächig Quellbewölkung. Die Konvektion zieht von Norden und Süden des Äquators Luftmassen nach, die hier konvergieren. Dadurch gibt es nur sehr leichte Winde unterbrochen von kurzen Windböen, Schauern und Gewittern. In einer der ersten Nächte hatten wir bei totaler Flaute überall in den Wolken um uns herum Wetterleuchten in allen Farben. Dazwischen sind wir mit unserem kleinen Boot, eine schöne Vorstellung, aber auch etwas unheimlich. Die Schwachwindphasen zwingen uns, immer wieder den Motor zu nutzen. Dies aber nur wohldosiert, denn trotz zusätzlicher Kanister haben wir nur 240 Liter Diesel an Bord, das reicht höchstens für die Hälfte der 1000 Seemeilen bis Galapagos. Bisher kamen wir ganz gut voran.

Wir sind in der Intertropischen Konvergenzzone

Wir sind in der Intertropischen Konvergenzzone

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Die dritte Nacht auf See verlief sehr unruhig. Während wir am ersten Tag zunächst leichte Winde aus SE und dann zwei Tage Winde aus dem nördlichen Sektor hatten, drehte er dann in der Nacht auf SW, also kam genau aus der Richtung, in die wir wollen. Es gab, wie so oft beim Segeln, zwei Möglichkeiten. Jimmy Cornell empfiehlt in seinem Buch „Segelrouten der Welt“ auf Backbordbug zu segeln, wenn man am Ausgang des Golfs von Panama am Punta Mala auf SW trifft. Er schlägt vor zunächst weit nach Süden zu segeln, die kleine kolumbianische Insel Malpelo östlich liegen zu lassen und dort auf besseren Wind zu hoffen, auch könne man dort eine Strömung in südliche Richtung antreffen. Segeln wir auf diesem Bug, dann erreichen wir nur 150°, wobei der Sollkurs nach Galapagos bei 240° liegt, wir gewinnen also keine Seemeile zum Ziel. Auf Steuerbordbug laufen wir 240°, aber die Strömung lässt uns dann auf 270° wahren Kurs driften. Dieser Kurs bringt uns eindeutig näher an unser Ziel, aber wir bleiben zu nördlich und werden viel länger in den Kalmen verbleiben. Wie oft habe ich mich in Gedanken umentschieden? Noch einen Wetterbericht befragt, noch einmal Jimmy Cornell studiert, um mich durchzuringen, die zweite Variante zu wählen. Das geht so auch drei Stunden gut, bis der Wind immer schwächer wird und die Wolken immer dichter werden. Und plötzlich macht der Wind einen Purzelbaum und entscheidet sich genau entgegen gesetzt aus NE zu blasen. Schauer und Gewitter beuteln uns, ich nehme ohne Kleidung einen Regentanz an Deck vollführend eine Süßwasserdusche. Nach einiger Zeit wird mir kalt, ein ganz neues Gefühl. Annette übernimmt und steht für Stunden im Regen. Dann klart es auf, immer noch mächtige Wolken um uns herum, und wir entdecken endlich die Insel Malpelo an Backbord.

Wie oft ist man gezwungen, sich zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden und wie oft fragt man sich, ist die Entscheidung richtig und dann kommt es anders, als man denkt.

Delfine begleiten uns wieder

Delfine begleiten uns wieder

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Er darf hier nicht bleiben und wird von der PV-Anlage verscheucht

Er darf hier nicht bleiben und wird von der PV-Anlage verscheucht

Unser "Rotfußtölpel ?"

Unser „Rotfußtölpel ?“

Kalmen 057

 

Auf unserer Fahrt von Panama nach Galapagos haben wir vieles. Flauten am Anfang und zwischendurch, dann am ersten und zweiten Tag ein stetiger Nordwind, der uns natürlich gelegen kam. Die nächsten Tage hatten wir wie für die Kalmen typische sehr wechselhafte Winde, meist am Wind bzw. gegen den Wind. Dann unglaubliche Wolkengebirge, schwarze Wände, überall Wetterleuchten. Dann wieder einen Sonnentag, wo wir den Kurs anliegen konnten und das Schiff bei angenehmen Winden wie auf Schienen lief. Dann kommen wieder gewaltige Schauer und Gewitter. Wir nehmen die Segel herunter, als wir in eine riesige schwarze Wand hineinfahren, in der es ständig blitzte und donnerte. Den ganzen Tag keine Sonne, mal 15 kn Wind, dann wieder nur 3 kn.

Aber wir wollen die Strecke möglichst ohne Maschine schaffen und verändern dafür oft die Segel und die Segelstellung. Meist steuert der Windpilot, bei wenig Wind darf der elektrische Autopilot ans Werk, aber wir steuern auch per Hand, vor allem, wenn wir kreuzen müssen und bei extrem schwachem Wind. Wenn die Geschwindigkeit unter 1,5 kn sinkt, kommt der Motor zum Zug. Wir probieren es vor allem mit Geduld, die wird aber auch oft auf die Probe gestellt, z. B. als wir am Samstag viel mehr Wind als angesagt bekommen. Der Pazifik ist plötzlich gar nicht mehr so still: 15 – 18 kn mit den entsprechenden Wellen. Wir segeln hoch am Wind und bekommen immer wieder Wasser übers Deck gespült. Die Luken und die Fenster müssen geschlossen bleiben, weshalb es unter Deck unerträglich heiß und schwül wird. Bevor wir so konsequent sind, nimmt Annette in der Steuerbordkoje im Salon eine Salzwasserdusche. Durch ein offenes Seitenfenster ist eine große Welle eingestiegen. Sie steht wie ein begossener Pudel da und die Polster sind patschnass. Das sind die Momente, wo an Bord geflucht wird, aber es gibt oft wenige Stunden danach wieder Momente, die einem zeigen, warum wir diese Tour machen, die nicht immer eine Tortur ist.

Mangos gegen Skorbut

Mangos gegen Skorbut

In dieser Woche begleiten uns oft Vögel und fliegen die ganze Nacht neben dem Schiff her und stürzen ab und zu ins Wasser, um einen Fisch zu fangen. Sie scheinen unser Boot als Basis zu nutzen, um aufgestörte Fische zu fangen. Ein Vogel, ich nenne ihn ohne es zu wissen Rotfußtölpel, bezieht für mehre Tage Position in unserem Bugkorb, bis es ihm im zunehmenden Wellengang zu ungemütlich wird und er lieber neben uns her fliegt. Als Dank hinterlässt er den Bug als Guanofelsen.

Dann ist der große Moment da. Wir haben den Äquator überschritten. Ab jetzt steht die Sonne mittags im Norden statt im Süden und in der Spüle soll der Strudel beim Ablaufen ab nun links herum drehen, wir werden das prüfen! Da keiner von uns bisher den Äquator auf einem Schiff überquert hatte, mussten wir uns gegenseitig taufen. Statt mit den üblichen Salbungen spülen wir den Dreck der Nordhalbkugel mit einer Salzwaserdusche ab,  Thomas nimmt eine Schaumrasur und gegenseitig setzten wir uns je eine aus alten Seekarten gefertigte Krone auf. Neptun stieg mit dem Fischhaken klopfend aus dem Meer an Bord und begrüßt standesgemäß die Neuankömmlinge auf der Südhalbkugel.

Eine Rasur statt Äquatorsalbung

Eine Rasur statt Äquatorsalbung

Kalmen 078

Die beiden Gekrönten

Die beiden Gekrönten

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Nach genau neun Tagen kommen wir in Santa Cruz im Morgengrauen an. Die letzten drei Stunden haben wir die Segel teilweise eingeholt, um die Fahrt zu drosseln, denn wir wollten unbedingt im Hellen ankommen. Wir müssen unter Bug- und Heckanker ankern, um das Boot auch bei Schwell in der richtigen Richtung zu halten.

Wir fahren kurz an Land und wir melden uns beim Hafenkapitän. Dieser ist sehr nett, erklärt uns aber, dass er zusammen mit einem Agenten an Bord käme, um mit uns die Details zu besprechen. Eine Stunde später erklärt uns Marwin, unser Agent, was auf uns zukommt. Wir stimmen den Kosten zu, die wir schon aus der Literatur kannten, und zwei Stunden später kommen sie mit Verstärkung wieder. Ganz großes Kino: Insgesamt kommen 10 Offizielle gleichzeitig an Bord. Hafenbehörde, Polizei, Immigration, Naturschutzpark, Umweltschutz, Hygiene, Gesundheit, Fotografin, u.v.a.m. Es war schon warm, aber jetzt wird es extrem heiß und schwül unter Deck. Mein bescheidenes Spanisch ist deutlich besser als das Englisch von Marwin. Ein Dutzend Formulare wurde ausgefüllt, alle zig-fach von den Beteiligten gegengezeichnet, dann Abschied.  Zusätzlich kommt ein Boot mit einem Taucher, der Anke-Sophie von unten untersucht. Keine Beanstandung, wie auch, denn Annette hatte während einer Abendflaute kurz vor Galapagos in weiser Voraussicht auf dem offenen Meer den Algenbewuchs mit einem Küchenschwamm entfernt. Am nächsten Morgen kommt Marwin und bringt uns alle Papiere, wir dürfen also bleiben.

Zum Einklarieren kommen 10 Personen an Bord

Zum Einklarieren kommen 10 Personen an Bord

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Abschied nachdem alle Formulare ausgefüllt sind. Unser Agent Marwin wird uns weiter helfen...

Abschied nachdem alle Formulare ausgefüllt sind. Unser Agent Marwin wird uns weiter helfen…

9 Antworten zu “Durch die Kalmen zum Äquator

  1. Bin begeisterter „Mitsegler“ bei euch auf eurem Schiff und logge mich fast täglich ein, um zu sehen wie weit Ihr es bis dato geschafft habt. Weiter so, ich lebe so richtig mit und halte euch die Daumen !!!

  2. Liebe Annette und lieber Thomas, meine Glückwünsche zur Äquatortaufe! Eure Kronen sehen wirklich fein aus – auf dem einen Foto erinnert mich Thomas‘ Krone allerdings eher an eine Kochmütze… Ich vermute, euer Rotfußtölpel ist eine Gabelschwanzmöve, die nämlich hat solch rote Füße, wie ich meinem Galapagos-Album entnehmen kann. Ich freue mich über eure Entscheidung, eine Woche zu bleiben! Es ist so wunderbar dort, allerdings sind die finanziellen Konditionen in der Tat unfassbar! Wieder sind eure Schilderungen so greifbar und so unwirklich in einem – die Wetter so sehr wie die Hafenzeremonie. Ihr macht das alles großartig. Hier kommen gerade die verfrühten Eisheiligen mit Regen und Nachttemperaturen von 2°! Seid herzlichst umarmt! Bernhard

    • Lieber Bernhard,

      wir haben eine Dreitagestour zur Insel Isabella und eine Tagestour zur Insel Seymour gebucht. Ich konnte dort auf einem Bild den Vogel tatsächlich als Rotfußtölpel identifizieren. Aber Gabelschwanzmöwe klingt auch nicht schlecht. Liebe Grüße von uns beiden, bitte auch an Michael

      Mit herzlichen Grüßen

      Thomas

      Thomas Herter

      http://www.ankesophie.wordpress.com

      Mobil Galapagos: +593 991 255 015

  3. Also, liebe Anette und lieber Thomas, eigentlich hättet ihr es ja verdient, dass Neptun persönlich aus der Tiefe seines Reiches emporgestiegen wäre, um euch zünftig zu taufen. Nicht ganz so zünftig wie auf den früheren Windjammern, aber so ein wenig Schmierseife und weichen Schrubber, um den Dreck der Nordhalbkugel zu entfernen. Offensichtlich hattet ihr aber auch so viel Spaß!
    Wie soll denn der Untertitel eures abschließenden Reiseberichtes lauten? ‚Segeln durch die Tiden und Wellen der Bürokratie!‘ Was ihr berichtet, ist kaum noch zu überbieten. Wir wünschen euch das jedenfalls nicht!!
    Konntet ihr unsere virtuellen Ostereier aus dem Nest nehmen?
    Weiterhin ‚Mast- und Schotbruch!‘ wünschen euch schlowly und Hildegard

    • Lieber Schlowly, lieber Hildegard,

      wir haben bei der Einklarierung tatsächlich sogar Spaß gehabt, wenn auch schwitzend, denn 12 Leute unter Deck bei feuchten 32° wird ganz schön warm. Wir werden nun zwei Touren auf Galapagosunternehmen uns sind noch beim Organisieren.

      Annette(Mit zwei n!!!) hatte die digitalen Ostereier ausgepackt und wollte dir längst geantwortet haben. Nun diktiert sie mir in die Tasten:

      Eure Emails sind immer eine Freude und mentale aufbauende Unterstützung, vielen Dank. Die Eier aus dem virtuellen Ostergruß habe ich entnommen. Wir hatten keine Ostern, sie kennen hier keine Schokoladeneier, da dies bei der Hitze wahrscheinlich auch nicht so angebracht ist. Liebe Grüße an euren kranken Freund, der trotz schwerer Krankheit Freude an unserer Reise hat. Der letzte Saumagen ist übrigens gegessen, in Scheiben (!) aber es wähnt mir, dass noch eine Dose Rotwurst da sein müsste.

      Zum Ostergruß: Wusstet ihr, dass meine Lieblingsfarbe Lila ist?

      Mit herzlichsten Grüßen von uns beiden aus Galapagos

      Thomas + Annette

      Thomas Herter

      http://www.ankesophie.wordpress.com

      Mobil Galapagos: +593 991 255 015

  4. Hallo Thomas & Annette,
    ich lese jeden Eurer Berichte mit Freude und Fernweh und erzähle meinen Segelfreunden von Eurer Reise und Euren spektakulären Erlebnissen. Gerne denke ich an die kurze Strecke entlang der Küste von Galizien, die ich Dich begleiten konnte, zurück.
    Liebe Grüße aus der Heimat
    Roland

    • Lieber Roland, ach das ist ja schön, von dir zu hören. Wir machen endlich mal Urlaub. Anke-Sophie liegt in Puerto Ayora und wir sind für drei Tage auf einer Tour auf isla isabella, um flora und Fauna zu erkunden.  Liebe grüße Thomas und Annette

      Von Samsung Mobile gesendet

  5. Hallo, ihr Wellenreiter!
    Diese mail wollen wir euch nicht vorenthalten!!!!!!!!!!!!!!
    Wie kann man euch noch ein paar Büchsen zukommen lassen??
    Bis die Tage! schlowly und Hildegard!

    Sehr geehrter Herr Laufer,
    Danke für Ihre Nachricht, über die ich mich sehr freute.
    Dass sich mein Saumagen auch auf den Weltmeeren so großer Beliebtheit erfreut – wer hätte das gedacht?!
    Lassen Sie mich die Vorzüge dieses Ur-Pfälzer Gerichts in Gedichtform zusammenfassen:

    Auf hoher See, in der Kombüse,
    bevorzugt man nicht nur Gemüse.
    Drum merke:
    Ein Segler steht stets seinen Mann,
    hat er an Bord den Saumagen von Gütermann.

    Beste Grüße und Mast und Schotbruch wünscht
    Peter Gütermann

  6. Liebe Annette und Thomas,
    Bernhard und Michael müssen nach Charlottenburg ziehen, hier regnet es nicht, es scheint die Sonne und gestern abends bin ich im Ristorante-Dante gesessen, wie in Italien, an der Straßenkreuzung Tegeler Weg/Osnabrücker Straße. Sicherlich ist es Abends ein wenig kühl, aber mit der Südhalbkugel der Erde sicherlich nicht zu vergleichen. Ich kann es nur schwer fassen. Ihr habt es geschafft! auf die Galapagos! mit der Anke-Sophie! GRATULATION! Thomas hat wahrscheinlich wieder einmal nicht an die Geschwindigkeit gedacht, von Stralsund zu den Galapagos in nicht einmal einem dreivierteljahr da muss ich doch grinsen. Danke danke für das schöne Bild der Delphine, erinnert es mich doch an den lustigen Begleiter, den Schweinswal, vor Gotland. Taufe hin Taufe her, der Wassergott möge Euch gewogen bleiben. Dorothe ist mit Martina eine Woche nach Hiddensee und ich tausche jetzt 2014.05.06 um 19:30 Uhr den Büroarbeitsplatz mit den Straßen in Berlin. Liebe Grüße Thomas Mac Tom

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