Atlantiküberquerung

Atlantik 2 145 Atlantik 2 241 Atlantik 2 297 Atlantik 3 004 Atlantik 3 036Wie zuvor beschrieben waren wir am 04.02. in Mindelo gestartet. Am 11. Februar um 19 Uhr hatten wir Halbzeit, wir haben die Hälfte der Strecke von Sao Vicente nach Barbados (2014 sm) zurückgelegt. Wir feiern das Bergfest mit einem kleinen Glas Whisky.  Bergfest vielleicht deshalb, weil wir umgeben sind von Wellenbergen.  Wir freuen uns auf niedrigere Wellen. Seit Tagen ist alles an Bord zur Geschicklichkeitsübung geworden. Das Kochen in der Kombüse ist eine Akrobatik. Das ganze Schiff wird nach und nach durchsucht, um klöternde Gegenstände  aufzustöbern. Mit Handtüchern werden die betroffenen Schapps ausgestopft. Das Leben an Bord ist zur Routine geworden. Wir kochen täglich, noch haben wir frisches Gemüse und Obst.

Ein letzter Blick nach Sao Vicente, nun geht es über den Atlantik

Ein letzter Blick nach Sao Vicente, nun geht es über den Atlantik

Annette inkognito

Annette inkognito

Thomas mit kritischen Gedanken

Thomas mit kritischen Gedanken

Olaf ist guter Dinge

Olaf ist guter Dinge

Thomas M. fährt Rennen

Thomas M. fährt Rennen

Wir kommen sehr gut voran. Die erste Hälfte des Atlantiks haben wir in 6 Tagen und 9 Stunden durchpflügt; das ist Durchschnitt von 6,6 kn. Die letzten fünf Etmale lagen zwischen 165 und 170 sm. Wir haben unser Wachsystem von Zwei-Stunden-Wachen beibehalten. Jeder hat nacheinander zwei Stunden aktive Wache, dann zwei Stunden passive Bereitschaft und dann 4 Stunden Freiwache. Da die gesamte Crew gute Segler sind, leben  wir mit dem Luxus, dass wir nachts bis zu sechs Stunden schlafen können. Theoretisch. Der Praxisrekord liegt bei knapp 2 Stunden. Tagsüber ist immer etwas zu tun, natürlich ist auch immer mal wieder Zeit für ein Nickerchen, um Schlaf nachzuholen. Wir sind erschrocken, dass die Hälfte schon rum ist. Wir werden uns bewusst, dass es wichtig ist, auch Zeit alleine mit dem Atlantik zu verbringen. Einfach dasitzen und die Wellen und den Himmel beobachten, besonders nachts den Mond und die Sterne. Es gibt viel Ablenkung. Viele Freunde haben uns mit Hörbüchern und Musik, auch mit Filmen versorgt, sodass wir uns auch hier an Bord unter Medien setzen können. Aber wir genießen auch die See.

Unser erster Fisch. Eine 60 cm Goldmakrele. In Butter auf Lauchbett. Super lecker...

Unser erster Fisch. Eine 60 cm Goldmakrele. In Butter auf Lauchbett. Super lecker…

Und  auch was darin schwimmt: Gestern war Fischalarm! Eine 60 cm große Goldmakrele ist auf den Oktopus-Köder reingefallen! Ins Cockpit hieven, ein kräftiger Schlag  mit der Winschkurbel auf den Kopf, ausnehmen, säuern, salzen, ab in die Butterpfanne. Frischer geht’s nicht! Goldmakrele fett, all you can eat. Ach ja, und das Blutbad im Cockpit noch mit ein paar Pützen wegspülen. Wir sind nun selbst angefixt und angeln, was geht – mit entsetzlichen Folgen: eine Makrele nach der anderen beißt an, aber wir bekommen sie nicht mehr an Bord, entweder sind sie zu schwer oder wir zu ungeschickt, es passt nicht mehr so zwischen uns und der Goldmakrele, die letzte hat uns sogar wie zum Hohne unseren genialen Oktopus-Köder weggeschnappt, ohne auch nur daran zu denken, in den Angelhaken zu beißen. Wir haben nun eine Oktopusnachbildung-Nachbildung gebastelt aus bunten Müllsackschnipseln…

In meiner letzten Nachtwache dachte ich über das nach, was ich hier treibe. Wie kann man das Gefühl in Worten ausdrücken, das ich habe, wenn das Schiff durch den Passatwind nach Westen geschoben wird. Die Kraft, mit der die Anke-Sophie sich durch die Wellen schiebt. Und das mit einer nie gekannten Regelmäßigkeit. Seit einer Woche weht der Passat aus Nordost, je weiter wir kommen dreht er langsam auf Ost. Die Windstärke schwankt zwischen 5 und 6 Bft. mit Böen bis 7 Bft. Seit Tagen machen wir keine Manöver, wir rauschen mit der gleichen Segelstellung über die Wellenberge hinweg in das nächste Wellental.

Unser Lebensraum reduziert sich auf unser Boot mit 11,4 m Länge und 3,7 m Breite. Wir sind zu viert. Erstaunlich, wie gut wir miteinander zurechtkommen, wo wir uns zuvor kaum kannten. Auf engstem Raum, denn Annette und ich nutzen die Vorderkabine nicht, da die Bewegungen dort zu heftig sind. Einer von uns ist ständig am Ruder, auch wenn „Admiral Schneider“  (unser Windpilot) seinen Dienst absolviert, denn es erfordert viel Übung, ihn so zu überwachen, dass er nicht vom Kurs abschweift. Er ist halt etwas vertüddelt und launig. Ich beschäftige mich viel mit ihm. Mal ist eine Schraube locker oder ein Seil hat zu viel Spiel oder es geht ein Knoten auf. Auf jeden Fall müssen wir verhindern, dass das Schiff vom Kurs abkommt und die Segel schlagen, denn wir haben ständig viel Wind und wollen das Rigg nicht gefährden. Und genauso ist es an Bord. Man möchte sich auf die See oder das Dasein auf See konzentrieren und dann verliert man sich doch zum Beispiel beim Hantieren mit dem Windpiloten. Also zurück zur Frage, was machen wir hier eigentlich und warum.

Thomas packt die Geburtstagsgeschenke aus, die Freunde mitgegeben haben

Atlantik 1 164

Thomas packt die Geburtstagsgeschenke aus, die Freunde mitgegeben haben

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Sicherlich liegt ein Reiz darin, dass wir auf uns alleine gestellt sind. Wir vier steuern das Schiff in zwei Wochen von Sao Vicente nach Barbados über den Atlantik. Im Vorfeld habe ich viel Zeit damit verbracht, zu überlegen, was wir noch alles brauchen. Wir müssen mit dem zurechtkommen, was wir an Bord haben. Das gilt für den Proviant, aber auch für alle Ersatzteile und Werkzeuge, die evtl. benötigt werden. Egal was man heranzieht, wir sind auf uns alleine gestellt. Ob das Kochen, das Reparieren von Ausrüstung oder falls sich jemand verletzen oder krank werden sollte. Wir sind sehr vorsichtig. Nachts tragen wir draußen immer Schwimmwesten und leinen uns an. Aufs Vordeck gehen wir nur am Strecktau. Natürlich könnten wir im Notfall mit dem Satellitentelefon oder über Kurzwelle um Hilfe bitten, aber auch dann ist die Hilfeleistung sehr begrenzt, denn kein Hubschrauber kann so weit fliegen und auf welchem Schiff fährt schon ein Arzt mit? Trotzdem fasziniert uns dieses „auf sich beschränkt sein“. Wir haben alles, was wir für drei bis vier Wochen brauchen, an Bord. Wir erzeugen unsere eigene Energie mit der Photovoltaik und dem Windgenerator. Den Motor brauchen wir nicht, da mehr als genügend Wind weht. Wir segeln auf unserer kleinen Welt vollkommen unabhängig von außen. Die einzige Ausnahme ist, dass wir über Kurzwelle Wetterinformationen einholen und mit den Freunden Emails austauschen können. Aber auch das ist keine unbedingte Notwendigkeit, sondern ein angenehmes Hilfsmittel, es würde auch ohne gehen. Und Letztens ist es eine Verbindung, die gut tut.Atlantik 1 104 Atlantik 1 181 Atlantik 1 203 Atlantik 1 207

Detail aus einem Abendhimmel siehe nächstes Bild

Detail aus einem Abendhimmel siehe nächstes Bild

Atlantik 2 086 Atlantik 2 106 Atlantik 2 126 Atlantik 2 133Das Boot schwimmt wie ein Korken immer oben auf den Wellen, ab und zu kommt eine Welle auch mal über das Deck oder steigt ins Cockpit ein. Aber das trifft es nicht alleine. Es ist das Zusammenspiel der Kräfte. Die starken Bewegungen, die das Boot durch die Wellen macht, habe ich oben beschrieben. Der relativ konstante Passatwind mit seiner verlässlichen Richtung, der die beiden Passatsegel kräftig füllt, schiebt das Boot stetig nach vorne. Die Wellen werfen das Schiff ständig aus dem Kurs und wir müssen gegensteuern, um ein Schlagen der Segel zu verhindern. Das Ganze lässt sich reduzieren auf den WIND, die WELLE und das BOOT, die so in einem Gleichgewicht gehalten werden müssen, dass wir nach zwei Wochen in Barbados ankommen.

Dann ist es die See selbst, die uns umgibt und fasziniert. Ständig schauen wir in die See und in den Himmel. Wir beobachten die Wellenformationen und die Wolken. Die Formen, die Schattierungen und die Farben wechseln ständig. Olaf will dies in einem Projekt aufnehmen. Dazu fotografieren wir zu festgesetzten Zeitpunkten um 9, 12, 15, 18 und 21 Uhr UTC das Wolken- und Wellenspiel um uns herum und notieren jeweils zur Dokumentation unsere Position dazu. Wir sind sehr gespannt, was Olaf um diesen Rahmen herum entstehen lässt.

16.02.14 Das Ziel rückt näher. Es sind noch 100 sm bis Barbados, als ich diese Zeilen schreibe. Der Wind hatte in der Nacht abgenommen, sodass ich ausreffen konnte. Mit dem abnehmenden Wind werden auch die Wellen niedriger und regelmäßiger, was schon alleine eine Erholung ist nach den Kreuzseen, die wir die Tage zuvor hatten. Die Wellen waren zeitweise gewaltig und zwar immer dann, wenn große Wellen der verschiedenen Systeme aus NE und SE sich auch noch überlagerten. Am Steuer machte es Freude, das Schiff beinahe im Gleitzustand die Wellen hinabzusurfen. Unter Deck beim Kochen oder beim Schlafen haben sie genervt. Wir (fast alle) haben uns in den letzten Tagen aber so an die Welle gewöhnt, dass das Fluchen nur noch zu hören war, wenn mal wieder irgendetwas verschüttet wurde. Ansonsten scheinen wir eins geworden zu sein mit der Welle, dem Wachablauf, Ruder gehen, Schlafen, Kochen, Lesen, Hörspiele hören.Atlantik 3 038 Atlantik 3 041 Atlantik 3 142 Atlantik 3 143 Atlantik 3 153 Atlantik 3 191 Atlantik 3 197

Jetzt, kurz vor dem Ende der Atlantiküberquerung kommen schon erste Gefühle von Abschied auf, wie schade, dass es schon bald vorbei ist. Wir schätzen die Ankunftszeit ab und drehen ein Reff in die Passatsegel, um nicht in der Nacht anzukommen. Wir wollen Umstände sowie Zuschläge für Wochenende oder Nachtankunft vermeiden. Als Ziel haben wir uns Port St. Charles an der Nordwestseite von Barbados ausgewählt, da dies für uns ruhiger erscheint, als die Hauptstadt Bridgetown. Wir tauschen die kapverdische Gastlandflagge gegen die von Barbados und setzen die Flagge Q zum Einklarieren. Welch ein Kulturschock, vom armen Palmeira auf Sal in den superreichen Port St. Charles von Barbados zu kommen.

War da eben nicht ein Tanker hinter der Welle zu sehen?

War da eben nicht ein Tanker hinter der Welle zu sehen?

Da ist er, das einzige Schiff, dass uns auf der ganzen Überquerung begegnet ist. Das Ziel von Monique ist Montevideo

Da ist er, das einzige Schiff, dass uns auf der ganzen Überquerung begegnet ist. Das Ziel von Monique ist Montevideo

Atlantik 4 005

Und da verschwindet der Tanker wieder hinter der Atlantikwelle…

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Der Mond während einer Langzeitbelichtung zeigt die Bewegungen des Bootes recht anschaulich

Der Mond während einer Langzeitbelichtung zeigt die Bewegungen des Bootes recht anschaulich

Atlantik 4 167 Atlantik 4 188 Atlantik 4 191Hier ein paar nautische Daten: Die Gesamtstrecke von Mindelo bis St. Charles über Grund betrug 2023  sm. Wir brauchten dafür lediglich 13 Tage und 2 Stunden. Dies entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,4 kn. Die Etmale lagen meist bei  150 – 160 sm . Das niedrigste und das höchste waren 116 und 175 sm.

Wir sind alle sehr froh, es so gut geschafft zu haben. Alle sind wohl auf, wenn auch müde. Nur Annette kämpfte leider in den letzten Tagen mit der Seekrankheit und war nun froh, endlich mal wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

10 Antworten zu “Atlantiküberquerung

  1. Freut mich für euch, dass die Überquerung so reibungslos verlaufen ist!
    Tolle Fotos habt ihr gemacht, aber irgendeiner hat jetzt ziemlich starkes Fernweh! Hoffe das es sich möglichst bald mal einrichten lässt, euch mal wieder ein Stück zu begleiten!
    Bis dahin beste Grüße aus Hamburg!

  2. Liebe Annette, lieber Thomas, liebe Rest-Crew, Glückwunsch, Glückwunsch, Glückwunsch – Nr. 1 nachträglich zu Thomas Geburtstag, Nr. 2 für die gelungene Atlantik-Überquerung und Nr. 3 für die tollen Fotos. Gucke ich mir nachher nochmal in Ruhe an, bin gerade dabei, eine Sendung zu produzieren. Viele liebe Grüße von Annette* in Berlin.

  3. CONGRATULATION! Liebe Freunde, ihr habt es geschafft – Wahnsinn! Und in so kurzer Zeit… Auch wenn Annettes Organismus nicht so ganz klar gekommen ist – ich gratuliere euch zur erfolgreichen Überquerung! Und ich bestaune die sensationellen Fotos (v.a. die Mondschaukel) und Thomas‘ nachdenklichen Text und die anschauliche Beschreibung eures Alltags. Ich hoffe sehr, ihr könnt nun ein bißle Ferien machen und euch erholen. Muss auch sein! Seid von Herzen gegrüßt vom: Bernhard

  4. Hallo und herzlichen Glückwunsch! 🙂 Mein Name ist Rita und bin mit Harald und Eva-Maria befreundet. So durfte ich an Eure gelungen Atlantiküberquerung teil haben. Bin sehr berührt und wünsche Euch weiterhin eine traumhafte Zeit. Leicht verregnete Grüße vom Staffelsee
    Rita Salis

  5. Herzlichen Glückwunsch!!!
    Wir haben oft an euch gedacht und freuen uns, dass alles gut geklappt hat.
    Liebe Grüße aus Berlin + danke für die tollen Fotos und Beschreibungen.
    Sebastian (von Harry)

  6. Liebe Annette, Lieber Thomas, Liebe Atlantikbezwinger, Respekt, Glückwunsch und Freude, dass Ihr den Wellen getrotzt, die Göttter der Meere bezwungen und ein Stück Paradies erreicht habt. Wir sind sehr begeistert von Eurem Mut und Eurer Tatkraft. Jetzt mal durchatmen! Liebe Grüße von den Landratten aus Berlin Andreas und Silke

  7. Dear Thomas & crew
    My sincerest congratulations on your successful corssing of the Atlantic- undoubtedly a heroic deed. The children, Conny and I would like to hear your personal account once you will be back in Berlin.
    Best wishes from all of us,
    Christian, Conny, Luise & Wilhelm

  8. Lieber Thomas, liebe Annette,
    Glückwunsch und Freude, dass ihr heil auf der anderen Seite angekommen sein. Schön, dass ihr jetzt die Karibik entdecken könnt. Ganz liebe Grüße aus Berlin von Christl und Harald

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