Boavista und Sao Nicolau

Ich habe ein letztes Mal Mitsegler vor der Atlantiküberquerung für eine Woche an Bord. Ich segle nach Boavista, um Hanno, Otto und Angelika dort aufzunehmen. Wegen des in die Bucht stehendes Schwells habe ich 5 Kabellängen vom Strand entfernt geankert, da mir die sich brechenden Wellen näher am Strand suspekt waren. Um an Land zu kommen musste ich also genau gegen den Wind ungefähr einen Kilometer mit dem Dinghi zurücklegen. Natürlich streikt der Außenborder nach dem Prinzip der größten Gemeinheit genau in einer solchen Situation, wo man ihn unbedingt braucht. Irgendwie, teilweise paddelnd gegen den Wind komme ich an Land, um die neuen Mitsegler in drei Stunden an Bord zu nehmen. Aber wie, wenn der Motor nicht läuft? Aber ich bin ja in Afrika. Am Strand werde ich von Alesio angesprochen, der mein Problem erkannt hatte. Wieder bin ich von der Schnelligkeit der Problemlösung begeistert. Er probiert den Außenborder, stellt fest, dass er ihn auch nicht reparieren kann, lädt ihn in ein Taxi und wir fahren in die Slums von Sal Rei zu einer mehr „Werkstatt unter einer Zeltplane“ von Freunden. Eine Werkstatt im Hinterhof wäre im Vergleich der reine Luxus. Es wird eine Tonne und  Wasser organisiert, an der mein Außenborder repariert und getestet werden soll. Bald stehen sechs Jungs um das Wunderwerk der Technik, was schnell in seine Einzelteile zerlegt wird. Und siehe da, wieder demontiert und nachjustiert läuft der Motor wieder. Alesio trägt den Motor bis zum Strand, denn im Slum gibt es keine Taxis. Noch mal ein Test im Meer und schnell zum Treffpunkt, alles war in zwei Stunden erledigt und lasst uns hoffen, dass der Motor nun mein Freund wird…

Sechs Jungs schrauben an  meinem Außenborder

Sechs Jungs schrauben an meinem Außenborder

Am nächsten Tag mieten wir uns für fünfzig Euro ein Sammeltaxi „Aluguer“, diesmal einen Geländewagen für sechs Stunden mit Fahrer, um die Insel zu erkunden. Boavista ist eine Wüsteninsel und so fahren wir zunächst durch die faszinierende Wüstenlandschaft aus der einzelne Vulkankegeln emporragen. Ach wie erinnert mich diese Landschaft an die Wüstentouren, die ich früher in Algerien und mit Annette gemeinsam in Mauretanien und Marokko unternahm. Ich bin wieder von der Reduktion und der wilden Schlichtheit der Wüstennatur begeistert. Wir fahren zunächst an die Südwestecke, an die Praia de Santa Monika, wo wir einen kilometerlangen Bilderbuchsandstrand am Wüstenrand antreffen. Wir stöbern zunächst in verlassenen Steinhäusern herum, die von der Wüste zurückgenommen werden und baden dann an unserem Traumstrand, den wir für uns alleine haben.

Sal Rei auf Bovista

Sal Rei auf Bovista

Sao Nicolau 024

Praia de Santa Monika

Praia de Santa Monika

Sao Nicolau 042 Sao Nicolau 046 Sao Nicolau 054P1010144 P1010163Weiter geht es über eine Nebenroute, zu der wir unseren Fahrer zunächst erst überreden müssen, denn der Weg ist wohl mehr als mühsam. Als wir aber dann zu einem Salzsee kommen, sind wir mehr als froh, hier zu sein. Wir kommen durch Oasen, in denen wir Bäume mit Früchten entdecken, die wir noch nie gesehen haben. Ihren Namen müssen wir noch herausfinden.  Dann geht es wieder durch steppenähnliche Landstriche bis wir mitten zwischen Sanddünen stehen und richtige Wüste schnuppern.

Wir kommen an einem Salzsee vorbei

Wir kommen an einem Salzsee vorbei

Sao Nicolau 077 Sao Nicolau 081 Sao Nicolau 094

Solch einen Baum habe ich noch nie gesehen. Wer weiß, was für einer das ist?

Solch einen Baum habe ich noch nie gesehen. Wer weiß, was für einer das ist?

Sao Nicolau 102

In den Dünen...

In den Dünen…

Eigentlich wollte ich ja keine größere Strecke mehr zwischen den Inseln zurücklegen, wenn der Rückweg wieder gegen den Passat erkämpft werden muss. Aber meine Mitsegler wollen Strecke machen und so entscheiden wir uns für Sao Nicolau und wir sollen es nicht bereuen es. Zwar verstärkt sich nach einer sehr wellenreichen Nacht am Südwestkap der Insel der Wind auf 30 kn und wir müssten stark gerefft gegen ihn aufkreuzen, bis wir endlich in Tarrafal an der Westküste von Sao Nicolau froh sind, anzukommen.

Otto

Otto

Hanno

Hanno

Angelika

Angelika

Erstaunlich, wie unterschiedlich die Inseln auf den Kapverden sind. Nun erwartet uns keine flache Wüsteninsel sondern eine gebirgige Steilküste. Die Bucht vor dem Städtchen Tarrafal gilt als eine der schönsten und wir sind froh, den weiten Weg auf uns genommen zu haben. Wieder auf Erkundung führt uns der Weg durch eine Nebellandschaft. Wir wollen auf den Monto Gordo wandern, aber der Nebel und beginnender Regen halten uns davon ab. Dennoch genießen wir den Weg und die üppige Vegetation.

Tarrafal auf Sao Nicolau

Tarrafal auf Sao Nicolau

P1010372 Sao Nicolau 128 Sao Nicolau 182

Ein Drachenbaum im Nebel

Ein Drachenbaum im Nebel

Weiter fahren wir mit dem Aluguer nach Vila da Ribero Brava und wir bewundern die alte Hauptstadt im Inselinneren und den Weg entlang der wilden Nordküste. Aber dann müssen wir zurück nach Tarrafal, denn dort erwartet uns ein Abendessen besonderer Art. Wir hatten in einem Café von einem Restaurant besonderer Art, dem Casa Aquário, erfahren. Plötzlich fiel mir ein, dass ich vor vielen Jahren von dem Projekt gehört hatte, mit dem ein Holländer in Afrika Jugendlichen aus dem Elend hilft, indem er ihnen Kochen lehrt und ihnen somit eine Existenzgrundlage für einen Weg aus der Aussichtlosigkeit aufbaut. Der Plan war schnell umgesetzt, wir konnten Plätze reservieren und uns nun von Henny Kusters jungen Köchen verwöhnen lassen. Nach dem Thunfisch setzt sich der Achtzigjährige an unseren Tisch und wir lauschen den vielen Geschichten aus seinem ereignisreichen Leben. Er hat seinen erfolgreichen Weg in den Feinschmeckerküchen Amsterdams aufgegeben und lebt nun in der Kapverdischen Einfachheit, um jungen Menschen eine Zukunft zu ermöglichen. Auch er ist Segler und wir erfahren von abenteuerlichen Fahrten, bei der er sogar im Mittelmehr in einem  schweren Sturm sein Schiff aufgeben musste und sich in die Rettungsinsel geflüchtet hatte. Dieser Abend war wieder eine Sternstunde des Reisens.P1010381 P1010409 ????????????????????? P1010448 Sao Nicolau 149 Sao Nicolau 163 Sao Nicolau 169 Sao Nicolau 185 Sao Nicolau 187

Am nächsten Tag geht es weiter nach Sal und wir kreuzen gegen den Passat, dieses Mal hauptsächlich auf Steuerbord. In Palmeira angekommen, entdecke ich 50 Liter Wasser in der Bilge und dass neben vielen Anderem auch alle Bücher im Bücherschapp total nass sind. Ich fluche: Verdammt noch mal, ich muss diese Undichtigkeiten finden.

Wir haben es geschafft...

Wir haben es geschafft…

Mein Ausblick im Hafen von Palmeira

Mein Ausblick im Hafen von Palmeira

Aber ich lasse mich nicht entmutigen. Den letzten gemeinsamen Tag verbringen Hanno, Otto, Angelika und ich wieder mit einer Erkundungsfahrt über die Insel Sal, wo wir im Nordenwesten der Insel die Brandung bestaunen, die entsteht, wenn die Atlantikdünung aus Nordwest gegen die Felsen schlägt. Alle sind sich einig, die Zeit war viel zu schnell vorbei. Mir bleiben nun noch 10 Tage, in denen ich viel organisieren werde und ich freue mich auf Annette, Olaf und Thomas und auf unsere Atlantiküberquerung.

11 Antworten zu “Boavista und Sao Nicolau

  1. Lieber Thomas, bald habt Ihr es geschafft, Du und Annette, und Ihr könnt endlich zusammen segeln, wandern, leben… Es war ein schönes Abschiedsfest bei Annette, aber schon ein merkwürdiges Gefühl, sich jetzt auch von ihr für so lange zu verabschieden. Zum Glück gibt es die Kommunikationstechnik. Deine Bilder und Berichte haben mir sehr gut gefallen. Nur das mit dem Außenborder… da kann einem schon mulmig werden. Liebe Grüße, Annette*

    • Liebe Annette*,

      danke für deine Nachricht. Ja, es wird Zeit, dass wir endlich gemeinsam unterwegs sind. Gerade heute am 24.01., wo Annette Geburtstag hat, ist es schade, nicht zusammen sein zu können. Bitte richte liebe Grüße an Hans-Heinrich aus. Mir macht es Freude, dass die Arbeit, die ich mir mit Bilder und Text mache, den Freunden zuhause Freude bereitet und uns zusammenhält, wenn schon treffen nicht so einfach möglich ist. Ich sage bis bald!

      Mit herzlichen Grüßen

      Thomas

      Thomas Herter http://www.ankesophie.wordpress.com Mobil Kapverden: +328 9126304

  2. Lieber Thomas,
    schön, wieder einen neuen Bericht von dir zu lesen und dazu wie immer so interessant und lebendig geschrieben. Und dann noch die faszinierenden Fotos. Das haben auch alle, die beim Kapitänsessen dabei waren bestätigt. Ich kann dir verraten, welchen Baum du fotografiert hast. Es ist ein Leberwurstbaum – Kigelia Afrikana -, den wir in Sambia gesehen haben. Aus Kamerun kennen wir die Art, Autos zu reparieren – mit fast Nichts, aber großem Knowhow. Beeindruckend! Wir drücken dir die Daumen, dass du schnell das Leck findest. Für den großen Sprung über den Ozean mit Annette und den beiden anderen wünschen wir immer den Wind aus der richtigen Richtung und in der richtigen Stärke.
    Liebe Grüße Hildegard und schlowly

  3. Lieber Thomas,
    na, das ist ja wieder einmal ein von sehr schönen Fotos begleiteter, aufregender Reisebericht. Hoffentlich hast du den Grund für den Wassereintritt inzwischen gefunden.
    Bücher nass ist blöd, aber Seekarten nass ist sicher noch viel unerfreulicher, die werden wohl an einem geschützten Spezialplatz verwahrt!
    Wir freuen uns darauf, morgen Annette zu sehen, wenn auch der Abschied schwer fällt.
    Zum Thema „Leberwurstbaum“: Warum heißt er so, Hildegard? Habt ihr die Früchte gekostet?
    Sehr liebe Grüße von
    Lisa und Andreas

  4. Lieber Thomas,

    vielen Dank für die tollen und aufregenden Berichte mit den unglaublichen Bildern. Mich hat ja auch die Motor-Reparatur sehr beeindruckt – so kanns auch gehen. Und die Geschichte mit dem Koch, der Jugendlichen eine Perspektive gibt – das ist wirklich tolles Reisen.
    Wahrscheinlich vergisst man dann auch die Übelkeiten…

    Wir sehen ja auch Annette morgen das letzte mal für lange Zeit.
    Da ist mir ja auch schon etwas flau.
    Aber wir werden ja von den außergewöhnlichen Berichten entschädigt, die auch so richtig mein Fernweh anfeuern…
    Ich wünsche dir noch gute „ohne-Annette-Tage“ und dann eine tolle gemeinsame Zeit.

    Viele Grüße von Michael

    • Lieber Michael,

      ja während ich das schreibe, trefft ihr gerade bei Annette ein, um dann essen zu gehen. Verabschiedet sie bitte ganz lieb, sie ist gestresst, so wie ich es war, als es losging. Noch Dutzende von Dingen zu erledigen und man weiß nicht, wie man es schaffen soll. Was macht man nicht alles für so eine Reise.

      Ich finde es toll, wie viele der Freunde an den Berichten Anteilnahme haben und das spornt auch an, weiter zu machen. Die Geschichte mit dem Koch Henny ist schon toll, vor allem, da ich viele Jahre zuvor davon gehört hatte. Ich habe aber hier auf Sal leider auch gehört, dass einige seiner Jungs auf falsche Wege gekommen sind und seine Hilfsbereitschaft und Geld wohl für Rauschgift genutzt haben sollen. Aber ob das stimmt, lässt sich nicht prüfen. Auf jeden Fall ist das Engagement, dass er zeigt richtig und nachahmenswert. Mal schauen, was uns noch so einfällt, wenn wir erst mal in das Alter kommen.

      Annette und ich werden nun erst mal die Karibik erkunden und mit Glück wird es die Welt werden, aber das entscheidet sich später.

      Bitte ganz liebe Grüße an Bernhard

      Thomas

      Thomas Herter http://www.ankesophie.wordpress.com Mobil Kapverden: +328 9126304

  5. An alle, vor allem Lisa, die wissen wollen, ob wir die Leberwurstbaumfrüchte gegessen haben: Nein, Menschen schmeckt er nicht. Aber für Elefanten soll er eine Delikatesse sein. Der Name kommt wohl von seiner leberwurstähnlichen Form. Oft sind die Früchte noch länglicher als bei dem Exemplar, das Thomas fotografiert hat.
    Liebe Grüße
    Hildegard

    • Ihr Lieben,

      vielen Dank für eure Kommentare. Vor allem freut es mich, dass ihr nun auch untereinander -noch gar nicht kennend- über die Berichte diskutiert. Schön, nun bin ich schlauer. Dass es einen Baum mit Namen Leberwurstbaum gibt, habe ich noch nicht gehört. Ich glaube es einfach mal, denn überprüfen kann ich es gerade nicht, da ich offline antworte und erst später die Antwort verschicke. Aber vielleicht ist es ja auch ein Scherz, dann aber ein schöner! Ach wäre ich doch ein Elefant, dann hätte ich die Frucht gegessen…

      Die undichte Stelle konnte ich nicht finden, weshalb ich nun die gesamte Oberseite der Decksleiste mit Sikaflex versuche abzudichten. An der Unterseite hatte ich vor zwei Wochen schon beidseitig die Fuge entlang der gesamten Schiffslänge abgedichtet. Das muss nun helfen, denn langsam fällt mir nichts anderes mehr ein, woher dieses Wasser kommen soll.

      Mit herzlichen Grüßen

      Thomas

      Thomas Herter http://www.ankesophie.wordpress.com Mobil Kapverden: +328 9126304

  6. Lieber Thomas,
    es ist faszinierend, immer wieder, was und wie du schreibst! Danke fürs Sehen der Fotos und fürs Teilhaben an deinen Erlebnissen! Ich hoffe, dein Versuch als „Dichter“ war schließlich erfolgreich, damit sowas nicht nochmal passiert. Und in wenigen Tagen ist Annette endlich wieder da und dann wünsche ich euch allerfeinste Bedingungen für den großen Part bis Barbados! Und natürlich immer und dauerhaft FREUDE! Dein Bericht weckt bei mir ständig Erinnerungen an meine Weltreise und die spätere 6-Monatsreise seinerzeit mit Michael…. das ist schön! Sei allerherzlichst gegrüßt vom: Bernhard

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