Weihnachten und Neujahr auf Cabo Verde

Ich habe meine liebe Annette am 23.12.13 in Sal auf den Kapverdischen Inseln am Flughafen abgeholt und wir verbringen Weihnachten in Palmeira. Annette hatte einen Berg von Geschenken und Mitbringseln dabei und wir feiern Weihnachten mit einer Bescherung unter dem Herrnhuter Stern, den Monika und Thomas uns schon bei der Abreise für die Weihnachtszeiten an Bord mit an Bord gegeben haben.Weihnachten 2013 an Bord

Nun bin ich bereits über ein halbes Jahr unterwegs und es ist die ideale Zeit, einen kleinen Rückblick vorzunehmen. Die bisherige Reise teilt sich auf in Überfahrten und dazwischen liegende kürzere Segeltörns entlang der spanischen und portugiesischen Küste bzw. zwischen den Kanarischen Inseln. Annette und ich sind gemeinsam von Stralsund aus nach Kiel gestartet, durch den Nordostseekanal, nach Helgoland, über Borkum nach Ijmuiden, über den Ärmelkanal bis Dover gesegelt. Von dort ging es für zwei Wochen entlang der englische Südküste bis Penzance, von wo aus wir unsere Überfahrt über die Biskaya ansetzten. Nach sechs Wochen musste Annette in La Coruna wieder nach Berlin, während ich die spanische Küste und danach von Porto die portugiesische Küste in Teilabschnitten bis Lagos mit unterschiedlichen Crews gesegelt bin. Danach ging es entlang der andalusischen Küste bis nach Tarifa, der Grenze zum Mittelmeer, und von dort wieder zurück über das Cabo Trafalgar nach Cadiz.

Dort begann die zweite längere Überfahrt nach Puerto Santo bei Madeira, wo mich Annette das erste Mal über die Herbstferien besuchte und wir eine Woche über die Insel wanderten. Gemeinsam brachten wir die Anke-Sophie mit einem schönen Zwischenstopp auf den Selvagens nach Teneriffa. Auf den Kanaren verbrachte ich zehn Wochen mit wechselnden Crews und besuchte meist mehrfach die Inseln Teneriffe, Gomera, La Palma, Gran Canaria, Fuerteventura und Lanzarote. Die dritte größere Überfahrt führte die Anke-Sophie dann von Las Palmas nach Palmeira auf Sal.

Die Anke-Sophie war im ersten halben Jahr an 111 Tagen auf See und wir hatten 70 Pausentage. Sie legte dabei insgesamt 5179 sm über Grund zurück, 85,6% davon unter Segeln, worüber wir sehr froh sind, denn lediglich 14,4% unter Maschine ist ein guter Schnitt. Die Überfahrten waren für mich die intensivsten Teile der ganzen Reise, dazwischen waren schöne Segelwochen, aber eben auch eine Wartezeit, bis Annette ihr Sabbatjahr beginnt. Hier auf Cabo Verde spüre ich, dass ich auf unserer Reise angekommen bin. Erstaunlich, wie lange das doch gedauert hat.

Annette freudig an Bord

Annette freudig an Bord

Thomas entspannt, aber müde

Thomas entspannt, aber müde

Ich bin darüber erstaunt, wie schnell das erste halbe Jahr vergangen ist. Ich habe sehr viel erlebt, manche Freunde begleiteten mich und ich habe sehr viele nette Mitsegler kennengelernt. Aber insgesamt habe ich mir zu wenig Zeit für mich gegönnt, was ich ab jetzt ändern werde. Ich bin überrascht, wie intensiv die Freunde zuhause die Reise verfolgen, was mich total freut, denn ich hatte es nicht erwartet. Sehr oft streifen meine Gedanken die Freunde zuhause. Es ist ein sehr schönes Gefühl, was mit der Entfernung und der Zeit zunimmt. Die Kommunikation ist nicht immer einfach, da es nicht überall WIFI gibt und einfach mal anrufen geht gar nicht, denn die Minute kostet mich knapp 6 €. Deshalb habe ich mir wieder eine einheimische kapverdische Nummer zugelegt, unter der ich vom  europäischen Festnetz aus über Billigvorwahlen relativ günstig erreichbar bin.

Die Tage auf Cabo Verde entschleunigen uns, anders sollte man Afrika auch nicht bereisen. Wir genießen Tage, an denen wir durch Palmeira/Sal schlendern und die einfachen afrikanischen Häuser, den dazwischen liegenden Schutt und Müll und die staubigen Straßen beäugen und sind einfach zufrieden mit uns und der Welt. Palmeira ist ein kleines Städtchen, das kaum Tourismus kennt. Die Häuser sind teilweise alt und einfach, viele oft im Rohbau belassen, manche  sauber herausgeputzt und modern. Es ist das Bild von Afrika, das diese einfachen, manchmal bunten, oft unfertigen  Häuser vor südländischen Bäumen oder Palmen widerspiegeln.

Palmeira auf Sal / Cabo Verde

Palmeira auf Sal / Cabo Verde

Öffentliche Wasserstelle

Öffentliche Wasserstelle

Palmeira12 Palmeira14

Auf der Überfahrt von den Kanaren und danach hatten wir in 10 Tagen zu viert 90 Liter Wasser verbraucht. Die müssen neu gebunkert werden. Da es fließendes Wasser nicht am Hafen gibt und nur einige Haushalte über das zentrale Netz an die Mehrwasserentsalzungsanlage angeschlossen sind, wollen wir unsere Kanister an der zentralen Wasserstelle füllen und an Bord bringen. Leider ist es Sonntag und das Wassergebäude ist geschlossen. Aber wie so oft erkennen die jungen Dorfbewohner unsere Wünsche, bevor wir überhaupt zum Fragen kommen, und helfen uns, indem sie uns in das Haus ihrer Eltern führen. Natürlich nicht selbstlos, aber für ein kleines Trinkgeld nach Abschluss der Arbeiten sehr gerne, als wir die Kanister mit unserer Sackkarre gemeinsam zum Schlauchboot bringen.

Heiligabend machen Annette und ich einen Ausflug nach Santa Maria, eine Touristenstadt mit Sandstrand und Surf- bzw. Tauchparadies im Süden von Sal. Annette bestellt Entenmuscheln und wir müssen zuerst fragen, wie man sie isst, als ein intensiv nach Hafenwasser riechender Teller dieser sonderbaren Muscheln mit Saugnapfarmen vor uns steht.Was hat sich Annette denn da bestellt?

Leckere Entenmuscheln

Leckere Entenmuscheln

Wie macht man sie auf? Erst drehen, dann ziehen

Wie macht man sie auf? Erst drehen, dann ziehen

Der Blick vom Restaurant in Santa Maria auf Sal

Der Blick vom Restaurant in Santa Maria auf Sal

Am 26.12. segeln wir bei frischem Nordost nach Boavista und ankern in der Bucht südlich von Porto de Sal Rei. Es gibt aber auch Tage, da funktioniert gar nichts und die anderen denken, man hat nur tolle Tage und Ferienstimmung. Manchmal ist das Tageswerk lediglich, die für das Einklarieren zuständige Polizeistation zu finden, wo aber kein Polizist Dienst hat, sondern diesen Beamten muss man dann auch noch im Hafen suchen. Findet man ihn nach vielem Fragen, dann hat er -wie man doch sehen müsse- zu tun und kann sich erst in einer Stunde um uns kümmern. Der Weg zur Polizeistation war aber eine halbe Stunde. Also kann man diesen einfach entspannt noch zwei Mal gehen… Das Ganze sollte man jedoch nicht negativ sehen, denn es wird sicherlich schlimmer, je weiter wir segeln. Dann sucht man einen Internetzugang. Das klappt meist auch nach mehreren Anläufen, um dann festzustellen, dass man zwar gut mit einem Repeater verbunden wird, aber noch lange keinen Zugang zum Netz bekommt. Macht nichts, morgen ist auch noch ein Tag. Oder man will Brot kaufen, wir fragen in mindestens sieben Geschäften, aber keiner hat Brot, also gibt es an Bord eben kein Brot, wir bleiben auch ohne zufrieden. Abends an Bord werden wir in der Nacht nicht glücklich, da ein mächtiger Schwell aus Nordwest in die Bucht läuft und das Boot in zu geringer Wassertiefe von 4 – 5 m stark schaukelt und wir froh sind, nach einem Pausentag wieder Anker auf-zunehmen, um die 85 sm nach Süden zur Hauptinsel Santiago zu segeln.Sal Rei auf Boa Vista

In der natürlichen Hafenbucht von Praia finden wir einen ruhigen Platz und richten uns für die nächsten Tage ein. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als einen Einheimischen als Wächter für unser Dingi zu beauftragen, denn es ist leider hier so üblich und wir wollen das Risiko nicht tragen, das Boot „unbewacht“ liegen zu lassen, während wir die Stadt Paria besichtigen oder Ausflüge z.B. nach Tarrafal unternehmen. Tarrafal ist eine kleine Hafenstadt im Nordwesten der Insel. Wir legen die 72 km in vier Stunden mit Sammeltaxis zurück. Leider braucht es eine Stunde, bis die 15 Plätze des Kleinbusses voll besetzt sind, bis es losgeht. Dazu kreist der Fahrer durch die Stadt und ein Beifahrer schreit fortlaufend das Reiseziel aus dem Fenster. Er agiert wie ein Rattenfänger und fängt so viele Fahrgäste ein wie möglich. Gleichzeitig dröhnt laute kapverdische Musik aus den Boxen, was uns mit dem Geschnatter der Fahrgäste die Zeit vertreibt… Zum Schluss sind wir 15 Erwachsene und 7 Kinder plus Gepäck im Kleinbus. In Assomada müssen wir leider umsteigen, was wieder eine Stunde kostet, in der wir aber genügend Zeit haben, das Geschäftsleben auf der Straße zu beobachten, wo alle denkbaren Waren und Lebensmittel feilgeboten werden. Immer wieder findet der Blick Frauen, die schwere Körbe auf dem Kopf balancieren.

Blick auf die kapverdische Hauptstadt Praia auf Santiago, unten der Afrikamarkt

Blick auf die kapverdische Hauptstadt Praia auf Santiago, unten der Afrikamarkt

Cabo Verde 042 Cabo Verde 046 Cabo Verde 050

Auf der Fahrt nach Tarrafal

Auf der Fahrt nach Tarrafal

Cabo Verde 073 Cabo Verde 075 Cabo Verde 076 Cabo Verde 080

Mit dem Aluguer über die Insel Santiago

Mit dem Aluguer über die Insel Santiago

Die Fahrt über Land zeigt eine sehr gebirgige Landschaft, wir fahren über zwei Pässe, von denen aus wir fantastische Blicke über die Insel werfen können. Nun verstehen wir auch, warum das Archipel Cabo Verde grüne Insel genannt wird.Cabo Verde 056

Tarrafal hat eine unrühmliche Geschichte mit einem Konzentrationslager, in dem spanische und portugiesische Regimekritiker  von  1936 bis 1954 ein fürchterliches Dasein fristeten. Leider wurde das Lager ein zweites Mal von 1961 – 74 reaktiviert , bis die Bewohner von Cabo Verde die politischen Gefangenen nach der Nelkenrevolution befreiten.

Strand von Tarrafal

Strand von Tarrafal

Am zentralen Platz

Am zentralen Platz

Der Sklavenpranger von Tarrafal

Der Sklavenpranger von Cidade Velha, der ehemaligen Hauptstadt von Santiago

Haus aus der ersten Kolonialzeit

Haus aus der ersten Kolonialzeit

Am letzten Tag fahren wir von Praia nach Cidade Velha, der ehemaligen Hauptstadt von Santiago, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe gezählt wird. Sie Stadt spielte die Schlüsselrolle für die Entdeckung  und Kolonialisierung Amerikas, besonders aber als Zentrum des Sklavenhandels für über 350 Jahre. Es wird geschätzt, dass zwischen 12 und 30 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika verschleppt wurden. Uns wird schaurig, als wir den Sklaven-Pranger in der Dorfmitte sehen. Außenherum sind alte Gebäude aus der ersten Kolonialzeit erhalten.

Der Rückweg von Praia auf Santiago nach Palmeira auf Sal war sehr beschwerlich. Mir wurde ja vorgehalten, dass ich nur von positiven Dingen berichte und das Negative verschweige. Nun aber: Uns ging es richtig schlecht, wir waren wegen der dauernden Schaukelei so seekrank, wie wir es auf der ganzen Reise noch nicht waren. Wir wussten zwar, dass wir auf der Rückreise den Wind gegenan haben werden, hofften aber, dass der Passat wie auf der Hinreise eher aus Ost blasen würde. Nun kam er in diesen beiden Tagen leider eher aus NNO mit Stärke 5 – 6, also fast von dort, wohin wir mussten. Und dass die Strömung uns so stark abtreiben bzw. bremsen würde, das hatte ich auch nicht gedacht. So haben wir leider 38 Stunden für die 118 sm gebraucht, zwei volle Tage und anderthalb Nächte, Durchschnitt 3,1 kn. Obwohl wir beide wussten, dass es mit der Seekrankheit erst besser wird, wenn man ordentlich isst, haben wir es kaum geschafft, einen Keks zu uns zu nehmen, geschweige denn ein richtiges Essen. Ich hatte uns zwar Nudeln gekocht, aber mit dem Ergebnis, dass mir auch schlecht wurde. Nun ist es aber auch genug, wir sind angekommen und um die Erfahrung reicher, lieber nicht gegen den Passat zu segeln.

3 Antworten zu “Weihnachten und Neujahr auf Cabo Verde

  1. Bitte schickt mir ein paar Entenmuscheln
    Das sieht ja alles recht gemütlich aus. Freut mich für euch.
    Weiterhin immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.

  2. Lieber Thomas, liebe Annette, bewundere ja euren Mut die Welt zu entdecken und alle Beschwerlichkeiten auf sich zu nehmen. Denke da an meine eigene Seekrankheit bei viel weniger Wind… Wünsche euch, dass ihr diesen Mut nie verliert und euch alles gelingen möge und ihr immer euer Ziel erreicht
    Liebe Grüße von Christl

  3. Lieber Thomas, liebe Annette (wieder in Berlin),
    der Bericht hat Erinnerungen an das afrikanische Leben wachgerufen, das wir aus dem Senegal, Kamerun, Sambia uns Südafrika kennen. Oft hatten wir Befürchtungen, dass alles noch schlimmer wird, als man es an manchen Stellen sehen kann. Aber dann triffst du Menschen, die voller Optimismus Neues beginnen und auch Erfolg dabei haben. Also soll man nie die Hoffnung aufgeben.
    Eure Erfahrungen, gegen den Passat zu segeln, möchte ich nicht teilen. Allein beim Lesen wird mir schon ganz anders. Gut, dass ihr das auch überstanden habt.
    Herzliche Grüße aus dem frühlinghaften Hattingen
    von Hildegard und schlowly.

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